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Experteninterview: Fokus Windpockenimpfung

03.10.2017 01:36
Im Jahr 2016 wurden insgesamt über 25.000 Windpockenfälle gemeldet. Damit erkrankten letztes Jahr über 70 Mal so viele Menschen an Windpocken wie an Masern. Und das, obwohl es seit 2004 eine Impfempfehlung für Kleinkinder ab dem vollendeten 11. Lebensmonat gibt. Windpocken (Varizellen) gehören damit zu den häufigsten Kinderkrankheiten. Sie sind äußerst ansteckend und weltweit verbreitet. Viele halten Windpocken für harmlos, aber auch hier können schwere Verläufe vorkommen. Der Kinder- und Jugendmediziner Ralph Köllges aus Mönchengladbach beantwortet Fragen zum Thema.

Herr Köllges, seit nunmehr 13 Jahren besteht eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission STIKO, Kleinkinder gegen Windpocken impfen zu lassen. Ist die Erkrankung seitdem eingedämmt?

Generell sind die Fallzahlen und auch die mit Windpocken verbundenen Komplikationen und Krankenhauseinweisungen seit 2004 deutlich zurückgegangen. Dies ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der gemeldeten Windpockenfälle allerdings wieder kontinuierlich an. Daher ist die Aufklärung der Eltern über die Vorteile der Windpockenimpfung besonders wichtig.

Was sagen Sie als Impfexperte: Warum sollte ich mein Kind gegen Windpocken impfen lassen?

Der für Windpocken typische, stark juckende Hautauschlag ist für jeden Infizierten unangenehm. Was viele nicht wissen, ist, dass das Aufkratzen der Pusteln neben unschönen Narben auch zu einer bakteriellen Superinfektion führen kann. Außerdem kann es bei bis zu fünf Prozent der Infizierten zu einer Lungenentzündung oder sogar zu neurologischen Komplikationen durch eine Enzephalitis, also eine Gehirnentzündung, kommen. Das Risiko für das Auftreten solcher Komplikationen ist leider nicht vorhersehbar, das heißt, es kann zu schweren Verläufen bei allen Kindern, nicht nur bei immunologisch geschwächten, kommen.

Zuverlässigen Schutz vor den Risiken des hochgradig ansteckenden Virus ist nur durch eine rechtzeitige Impfung zu erzielen. Für Ungeimpfte ist eine Ansteckung bei Kontakt mit dem Erreger fast unvermeidbar. Daher empfiehlt die Ständige Impfkommission STIKO, alle Kinder gegen die Windpocken impfen zu lassen.

Wie viele Impfdosen sind für einen vollständigen Schutz meines Kindes notwendig?

Die Impfung kann gleichzeitig mit Mumps, Masern und Röteln erfolgen. Für einen vollständigen Impfschutz sind zwei Impfdosen notwendig. Die erste Impfung kann Kindern ab dem vollendeten 11. Monat verabreicht werden, die zweite sollte in einem Alter von 15 bis 23 Monaten folgen. Wenn die zweite Dosis vergessen wurde, sollte diese so schnell wie möglich nachgeholt werden. Nur dann ist das Kind umfassend geschützt.

Muss die Windpockenimpfung dann nicht noch einmal aufgefrischt werden?

Hat man bereits die zweite wichtige Impfdosis erhalten, muss die Impfung im weiteren Lebensverlauf nicht noch einmal aufgefrischt werden.

Was genau bedeutet Herdenschutz und warum ist er wichtig?

Patienten aus klinisch relevanten Risikogruppen, wie beispielsweise Krebs-Patienten oder Transplantationspatienten, können nicht geimpft werden. Doch gerade für diese Personengruppen besteht wegen ihres besonders schwachen Immunsystems die Gefahr von Komplikationen bei einer Ansteckung mit Windpocken, wenn sie die Erkrankung nicht schon durchgemacht haben. Durch eine flächendeckende Impfung wird die Übertragungskette unterbrochen, so dass indirekt die Personen profitieren, die nicht geimpft werden können. Auch für Schwangere und das Ungeborene kann eine Windpocken-Infektion problematisch werden, die Impfung darf aber während der Schwangerschaft nicht verabreicht werden. Somit sind Schwangere, die die Erkrankung selber nicht hatten, auf eine geimpfte Umgebung angewiesen.


Bildquelle: Borchert & Schrader

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