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„Die Stimme der Patienten“

08.10.2020 09:00
Das Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) war das erste universitäre Institut seines Faches im deutschsprachigen Raum (Leitung Prof. Dr. Manfred Pflanz) und seit seiner Gründung im Jahre 1968 wegweisend für die nachfolgenden Entwicklungen an deutschsprachigen Universitäten. Unter Leitung von Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz wurde seit Ende der 1980er Jahre die Initiierung und der (Wieder-)Aufbau der Public-Health-Forschung und -Lehre in Deutschland vorangetrieben. Aktuell hat die Leitung Prof. Dr. Ulla Walter inne. Die kommisarische Leitung hat Prof. Dr. rer. biol. hum. Marie-Luise Dierks. Sie verantwortet den Masterstudiengang Public Health und die dem Institut angeschlossene Patientenuniversität.

 

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>> Die Meilensteine und Forschungsschwerpunkte des Instituts sind viel-
fältig. Sie reichen vom Aufbau einer
nationalen Gesundheitsberichterstattung
(GBE) über die (Mit)-Initiierung von
Gesundheitssystem- und Versorgungsfor-schung mit der Analyse des Versorgungsgeschehens hinsichtlich des gesund-
heitlichen, systembezogenen- und ökonomischen Nutzens bis hin zur Entwicklung, Analyse und Nutzung von Routinedaten der Sozialversicherungen und der Etablierung des „Health Technology Assessment“ (HTA). Hinzu kommen bevölkerungsbezogene Prävention und Krankheitsfrüherkennung, das
Center for HealthEconomics Research Han-
nover (CHERH), diverse Promotionsprogramme sowie die erste deutsche Patien-tenuniversität.
Mit der Übernahme der Leitung des Instituts durch Prof. Dr. Ulla Walter Ende 2009 wurden die im Stiftungslehrstuhl Prävention und Rehabilitation in der System- und Versorgungsforschung bearbeiteten Forschungsthemen in das Institut integriert. Erfolgreich waren und sind hier u.a. Meta-Projekte zur Prävention, zur Krebsfrüherkennung oder zur kommunalen Gesundheitsförderung. Aktuell arbeiten 40 Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen in den folgenden Forschungsschwerpunkten:
• Prävention und Versorgung spezifischer Zielgruppen (Prof. Dr. Ulla Walter): Identifikation von Risikogruppen, ihre Erreichbarkeit sowie die Entwicklung und Optimierung von Zugangswegen, die Beurteilung der (Kosten-)Wirksamkeit von präventiven Interventionen und ihrer Nachhaltigkeit sowie die Analyse und Optimierung von system-, nutzer- und anbieterbezogenen Rahmenbedingungen in der Prävention und Gesundheitsförderung, kommunale Gesundheitsförderung.
• Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik (Prof. Dr. Christian Krauth, Prof. Dr. Volker Amelung): Gesundheitsökonomische Evaluation von Gesundheitstechnologien, Präferenz- und Zahlungsbereitschaftsanalysen, gesundheitsökonomische Modellierungen. Weitere Forschungsfelder sind Versorgungsforschung (inklusive Routinedatenanalyse), Analyse von Versorgungskonzepten (wie z.B. integrierte Versorgung) und des Gesundheitssystems.
• Evidence Based Medicine & Health Technology Assessment (Dr. Anja Hagen, MPH, Dr. Dr. Vitali Gorenoi, MPH): Entwicklung und Anwendung von Methoden der evidenz-basierten Medizin und der Technologiebewertung. Schwerpunktmäßig
werden Systematische Reviews, Meta-Analysen, Health Technology Assessment (HTA)-Berichte sowie frühe Technologiebewertungen erstellt. Die bewerteten Technologien reichen vom Einsatz einzelner Medizinprodukte bis zur Analyse komplexer medizinischer Gesundheitsleistungen.
• Patientenorientierung und Gesundheitsbildung (Prof. Dr. Marie-Luise Dierks): Entwicklung von Instrumenten zur Erfassung der Patientenperspektive mit qualitativen und quantitativen Methoden, Akzeptanz digitaler Medien und technischer Innovationen. Public Patient Involvement, Förderung des Selbstmanagements von chronisch kranken Menschen, Erhöhung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung durch Information und Bildung.

Diese Folge der MVF-Serie „Versorgungs-forschung made in ...“ beschäftigt sich explizit mit dem von Professorin Dierks geleiteten Forschungsschwerpunkt „Patientenorientierung und Gesundheitsbildung“. Dies wirft zuallererst folgende Frage auf: Wie kommt eine Pädagogin zu Public Health und Versorgungsforschung?
Ein Blick in ihren Lebenslauf zeigt, dass sie sich bereits im Studium mit diversen Gesundheitsthemen beschäftigt hat. So hat sie unter anderem Selbsthilfegruppen von Frauen nach Brustkrebs begleitet. „Dies war eine Erfahrung, die mich an die MHH als Mitarbeiterin in der Deutschen Mammografie-Studie führte, einem Projekt unter der Leitung von Prof. Robra, das in Deutschland den Weg in das organisierte Screening vorbereitete“, erinnert sich Prof. Dr. Marie-Luise Dierks zurück an den Beginn ihrer akademischen Laufbahn.
Doch wie bei so vielen anderen aus ihrer Generation an Forschern, die im Rahmen dieser Serie bereits vorgestellt wurden, hießen die damaligen Aktivitäten noch nicht Versorgungsforschung.  Es ging in der Tat darum, in der konkreten Versorgungssituation
Hinweise auf die Qualität des im Jahr 2005 eingeführten Mammografie-Screenings zu identifizieren. Dierks: „In diesem Projekt untersuchte ich unter anderem Fragen der Akzeptanz der Frauen und versuchte, die Informationen für die Teilnehmerinnen am Screening möglichst verständlich, wenn auch noch nicht im Sinne der heutigen Forschung zu evidenz-basierten Informationen möglichst ausgewogen aufzubereiten.“
Generell waren die 1990er Jahre davon geprägt, an vielen Wissenschafts-Standorten den etwas eingeschlafenen Public-Health-Bereich in Deutschland wieder zu beleben. In diesem Zusammenhang wurde der erste Public-Health-Studiengang an der Medizinischen Fakultät der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) etabliert. Hier waren Dierks Fähigkeiten als Pädagogin gefragt, zum einen in der Lehre, zum anderen in der curricularen Entwicklung und nicht zuletzt beim Aufbau unterstützender Strukturen und Netzwerke. „Hier durfte ich als wissenschaftliche Koordinatorin für den Studiengang hauptamtlich arbeiten“, denkt  Marie-Luise Dierks an diese Zeit zurück. Dies sei eine Arbeit gewesen, die sie „bis heute mit viel Freude und Engagement“ durchführt.
Unter anderem ist es mit ihrer Hilfe in der Nachwuchsförderung gelungen, strukturierte Promotionsprogramme zu etablieren. Aktuell wird ein von ihr initiiertes interdisziplinäres Promotionsprogramm „Chronische Erkrankungen und Gesundheitskompetenz“ etabliert, das mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung in diesem Jahr mit zwölf Stipendiaten starten konnte.
Im Laufe der Jahre hat Prof. Dr. Marie-Luise Dierks viele unterschiedliche Forschungs-Projekte durchgeführt, wobei im Wesentlichen immer folgende, zentrale und stets patientenzentrierte Fragen im Fokus standen:
• Wie kann Gesundheitsversorgung im Sinne der Erkrankten organisiert werden?
• Was kann das Gesundheitssystem tun, um das Empowerment und die Gesundheitskompetenz der Menschen zu unterstützen?

Eine unter anderem aus diesen Fragestellungen resultierende Initiative ist die MHH-Bildungseinrichtung Patientenuniversität. Seit inzwischen 13 Jahren werden hier medizinisches und gesundheits(system)-bezogenes Wissen verständlich und mithilfe interaktiver Lernformate vermittelt – und das Interesse der Bürger ist nach wie vor hoch.  Auch und ganz besonders in Zeiten der Corona-Epidemie, in der die Patientenuniver-
sität online geht – laut Dierks „ein Experiment, mit dem wir auch den Vorteil verbinden, überregional gute Gesundheitsinforma-tionen zu vermitteln“. <<

 

Dr. med. Maren Dreier, MPH,
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, verantwortlich für das Fach Epidemiologie im Public-Health- und Medizinstudiengang der MHH


>> Was hat Sie nach Hannover geführt?
Als Epidemiologin und Gesundheitswissenschaftlerin schätze ich am Institut die sehr gute Forschungsinfrastruktur und die vielfältigen, interdisziplinären Forschungsthemen und Arbeitsgruppen. Es gibt sehr gute Kontakte zu wichtigen Public Health-Akteuren in ganz Deutschland. Viel Freude habe ich auch an meiner anspruchsvollen Lehrtätigkeit im Fach Epidemiologie und der Betreuung von Master- und Doktorarbeiten.
Die unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkte des Instituts bieten ein breites Methodenspektrum in der Public-Health-Forschung, das quantitative und qualitative Verfahren einschließt. Dies zeichnet auch meine bisherigeren Tätigkeiten aus. Ich habe Primärstudien geplant, durchgeführt und analysiert, Sekundärdaten ausgewertet, an systematischen Reviews und HTA-Berichten mitgearbeitet und qualitative Studien durchgeführt.
Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Evidenzbasierung in Public Health, zudem befasse ich mit evidenz-basierten Gesundheitsinformationen und mit der Analyse von Routinedaten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Auf Basis eines Discrete-Choice-Experimentes (DCE) im SIGMO-Projekt untersuche ich aktuell die Präferenzen der Bevölkerung in der Darmkrebsfrüherkennung.
Versorgungsforschung ist für mich wichtig, um Ursachen von gesundheitlicher Ungleichheit und mögliche Gegenmaßnahmen zu untersuchen. Deshalb liegt mir auch das aktuelle SIGMO-Projekt am Herzen, das u.a. zeigen soll, ob bestimmte Personengruppen von dem zusätzlichen Angebot der evidenz-basierten Sigmoidoskopie in der Krebsfrüherkennung profitieren würden. <<

Carina Oedingen, M.Sc.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin


>> Was hat Sie nach Hannover geführt?
Seit Dezember 2016 arbeite ich am Institut als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Arbeitsschwerpunkt Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik. Nach meinem Bachelor im Fach Sozialwissenschaften sowie meinem Master in Public Health qualifiziere ich mich hier seit 2018 zum Dr. Public Health weiter. Ich habe mich hier beworben, weil das Institut thematisch sehr breit und interessant aufgestellt ist. Gleichzeitig bietet es durch die Anbindung an die MHH auch die Möglichkeit klinischer Kooperationen.
Die Besonderheit des Instituts ist durch die klinische Anbindung an die MHH gegeben, sodass Public Health auch in anderen Fachdisziplinen wie der Medizin eine größere Aufmerksamkeit erfährt und dadurch nicht isoliert betrachtet wird. Diese Vielfalt spiegelt sich in den Arbeitsschwerpunkten sowie in den diversen Fachdisziplinen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wider. Dadurch bieten sich vielfältige und spannende neue Themen, die mich sowohl beruflich fordern als auch fördern.
In meiner Promotion untersuche ich die Präferenzen der Allgemeinbevölkerung in der Organallokation, um herauszufinden, nach welchen Kriterien die Organverteilung aus Bevölkerungsperspektive erfolgen soll und welche Aspekte dabei von besonderer Bedeutung sind. Vor dem Hintergrund eines anhaltenden Mangels an postmortalen Spenderorganen in Deutschland handelt es sich um ein ethisches, gesamtgesellschaftliches, aber auch politisch aktuelles Thema. Neben meinem Promotionsthema ist meine weitere Projektarbeit sehr abwechslungsreich. Aktuell untersuchen wir die Präferenzen der Allgemeinbevölkerung zu den Ausstiegs- und Übergangsstrategien aus dem Covid-19 bedingten „Lockdown“.
Mittelfristig möchte ich mit meiner Promotionsarbeit dazu beitragen, dass die politischen Allokationsregeln mehr als bisher an den Präferenzen der Allgemeinbevölkerung ausgerichtet werden, in der Hoffnung, dass dadurch die Bereitschaft von postmortalen Organspenden gesteigert werden kann. Langfristig möchte ich meine methodischen und inhaltlichen Fähigkeiten in der Wissenschaft mit dem Schwerpunkt Versorgungsforschung weiter ausbauen. <<

Ausgabe 05 / 2020

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