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Besser verständliche Risikokommunikation

30.03.2021 10:00
Kommentar von Prof. Dr. Reinhold Roski (Herausgeber von „Monitor Versorgungsforschung“) und Peter Stegmaier (Chefredakteur von „Monitor Versorgungsforschung)

http://doi.org/10.24945/MVF.03.21.1866-0533.2307

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>> Wenn Sie sich die Grafiken auf den vorhergehenden Seiten noch betrachten, mögen Sie denken: Die Grafik der „Financial Times“ sieht „professionell“ aus, vielleicht sogar „wissenschaftlich“, auf alle Fälle aber „hilfreich“, weil sie die Inhalte der Winton-Grafiken zusammenführt und vergleichend darstellt. Dies ist jedoch ein Trugschluss, dem in Deutschland viele aufsitzen, die Risikokommunikation machen und für die sie gemacht wird: Das sind die Institutionen, die die Politik unterstützen, politische Entscheider, Umsetzer und Vermittler der Entscheidungen, Medien und am Ende die Bürger. Besonders die Medien melden Zahlen oft unhinterfragt und kommentieren sie vielfach verkürzt, sehr oft schief und ohne Zusammenhang. Das ist die schlechte Risikokommunikation, wie wir sie viel zu oft erleben. Das führt zu falschen Schlüssen, unnötigen Ängsten und vermindert insgesamt die Kompetenz, Risiken richtig zu beurteilen.

Dass es auch anders geht, zeigen beispielsweise die Darstellungen des „Winton Centre for Risk and Evidence Communication“ der Universität Cambridge unter Leitung von Prof. Dr. Sir David Spiegelhalter. Die dort entwickelten Grafiken berücksichtigen die aus der Psychologie bekannte Tatsache, dass wir Risiken besser wahrnehmen und beurteilen können, wenn absolute Größen angegeben werden, nicht relative, wie beispielsweise Prozentsätze. Viel besser verständlich ist die Risikokommunikation mit absoluten Zahlen, weil dabei das Grundrisiko mit kommuniziert wird und es so einfacher möglich ist, das eigene Risiko mit dem durchschnittlichen Risiko zu vergleichen. Relative Angaben verführen leicht zu Fehlurteilen. So wie die oft angegebenen und nur scheinbar gut verständlichen relativen Wirksamkeiten und Inzidenzen.

Ein bekanntes Beispiel: Wenn ein Risiko besteht, dass 2 von 100 Personen einen Schaden erleiden, und mit neuen Maßnahmen nur noch 1 von 100 Personen den Schaden hat, ist die absolute Reduktion des Risikos 1 von 100. Die relative Risikoreduktion ist aber 50%. Diese 50% erscheinen als riesige Verbesserung und führen zu allerdings weitgehend unbegründeten Hoffnungen, bzw. im umgekehrten Fall zu Ängsten. Besonders schlimm wird es, wenn der Nutzen von Maßnahmen in Form von relativen Risiken angegeben wird, ein Schaden aber in absoluten Risiken. Noch schlimmer wird es, wenn mit relativen Angaben noch weiter gerechnet wird. Deutlich besser sind zur Zeit die Grafiken, die das „Winton Centre for Risk and Evidence Communication“ erarbeitet und publiziert. Sie helfen, Risiken tatsächlich besser zu verstehen und zu beurteilen.

Was Winton für Großbritannien ist, ist das Harding-Zentrum für
Risikokompetenz der Universität Potsdam für Deutschland. „Wir wollen untersuchen, wie sich Menschen in Risikosituationen verhalten. Mit unserer Arbeit können wir dazu einen Beitrag leisten.“ Das schreibt Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und heutiger Direktor des Anfang 2020 gegründeten und des der Max-Planck-Gesellschaft angegliederten Harding-Zentrums for Risk Literacy. Die Nähe kommt nicht von ungefähr, sondern liegt in der Person des Stifters begründet: David Harding ist Direktor von Winton Capital, einer der zehn größten Investment-Gesellschaften in Großbritannien, die sich im Jahr 2007 durch die Einrichtung einer Stiftungsprofessur für „Public Understanding of Risk“ an der University of Cambridge hervorgetan hat.

Beide Institutionen arbeiten mit vielen Publikationen für „eine Gesellschaft, die Risiken einzuschätzen und mit ihnen zu leben weiß“ (Gigerenzer). Ein Paradebeispiel für die hier geleistete Arbeit sind diverse „Faktenboxen“, die helfen sollen, „Nutzen und Schaden einer Schutzimpfung gegen Covid-19 abzuwägen“. Dies natürlich immer im Bestreben, nicht nur die best verfügbare Evidenz zum potenziellen Nutzen und Schaden verschiedener medizinischer Maßnahmen bzw. Gesundheitsthemen zu präsentieren – noch dazu in einer das Verständnis fördernden grafischen Form. Dabei bauen die „Faktenboxen“ auf den Entwicklungen und Erkenntnissen der Forschung des Harding-Zentrums zur transparenten Kommunikation von Risiken durch Verwendung von natürlichen Zahlen und Häufigkeiten auf, die entsprechend  auch das Winton Centre verwendet. Die Faktenboxen werden zudem im Hinblick auf die Effektivität der Vermittlung von patientenrelevantem Wissen und auf Gesundheitsentscheidungen wissenschaftlich evaluiert. Außerdem wird untersucht, welche Formate zur Zusammenfassung und Präsentation von medizinischer Evidenz geeignet sind und wie man am besten Informationen über die Qualität und Unsicherheit kommuniziert. Auf diese Weise wird die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung tatsächlich verbessert.

Das ist ein richtiger Ansatz, dem ein Durchbruch überall dort zu wünschen ist, wo es um Risikokommunikation geht. Nicht, dass es so etwas noch gar nicht gäbe: Derartige „Faktenboxen“ zu verschiedenen medizinischen Themen von „Akuter Bronchitis“ bis zum „Vorzeitigen Blasensprung“ und eben auch zu Covid-19 (in Kooperation mit dem RKI) gibt es beispielsweise auf den Portalen des AOK-Bundesverbands und der AOK Nordost sowie der „Weissen Liste“ (BertelsmannStiftung), des Robert Koch-Instituts und der GWQ ServicePlus AG (einer Servicegesellschaft für Krankenkassen). Zu wünschen wäre es, wenn diese Beispiele Schule machen und künftig nicht mehr versucht wird, mit schwer verständlichen Zahlenspielen Politik zu kommunizieren.

Diesen Wunsch unterstützt auch eine Aktion, die Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer im Jahr 2012 ins Leben gerufen haben: die „Unstatistik des Monats“. Hier werden monatlich sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen hinterfragt und kommentiert. Dies mit dem Ziel, so die Initiatoren, „in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben“. <<

 

Zitationshinweis: Roski, R.; Stegmaier, P.: „Ein Plädoyer für eine evidente Risikokommunikation“ in „Monitor Versorgungsforschung“ (03/21), S. 14. http://doi.org/10.24945/MVF.03.21.1866-0533.2307

Literatur

https://wintoncentre.maths.cam.ac.uk/projects/press-alert/
https://www.hardingcenter.de/de
https://www.hardingcenter.de/de/transfer-und-nutzen/faktenboxen
https://www.rwi-essen.de/unstatistik/

Ausgabe 03 / 2021

Editorial

RoskiHerausgeber
Prof. Dr.
Reinhold
Roski

 

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