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„Wo Versorgungsforschung die Probleme eines Landes und seiner alternden Bevölkerung lösen soll“

Wer Neuruppin in Brandenburg hört, denkt vielleicht zuallererst an den wohl größten Sohn der brandenburgischen Kreisstadt, den gelernten Apotheker und späteren Essayisten und Schriftsteller Theodor Fontane (1819–1898), bekannt durch Romane wie „Effi Briest“ oder Balladen wie „John Maynard“ und „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Doch ohne entsprechendes Hintergrundwissen denkt man eher nicht an ein Thema wie Versorgungsforschung, was sich aber ändern wird. Denn in der überaus großzügig angelegten Residenzstadt im Norden des Landes Brandenburg, deren „raumverschwendende Anlage“ Fontane höchstselbst für eine kleine Provinzialstadt als „bedenklich“ bezeichnete, wird Versorgungsforschung neu gedacht. Dabei geht es weniger um den methodischen Ansatz an sich, sondern vielmehr um die Rolle, die diese Wissenschaftsrichtung in Neuruppin für das Flächenland Brandenburg einnehmen soll. Oder wie es der Präsident der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane, Univ.-Prof. Dr. Prof. h.c. Dr. h.c. Edmund A. M. Neugebauer, formuliert: „Der Unterschied zu anderen Herangehensweisen ist, Versorgungsforschung nicht als Add-on, sondern als wesentlichen Bestandteil einer Lösungsstrategie zu sehen.“ Und die ist in der Leitlinie der MHB klar gefasst, die eine Universität sein und werden will, „die sich etwas zutraut, die in Lehre und Forschung mutig neue Wege geht, beherzt Neuland betritt und als Bildungspionier zur Lösung drängender gesellschaftlicher Fragen beiträgt“.

>> Derlei drängende gesellschaftliche Fragen gibt es im Bundesland Brandenburg zuhauf. Der demografische Wandel ist hier schon lange kein abstrakter statistischer Wert mehr, sondern im Straßenbild zu sehen. Im Land Brandenburg (2.511.917 Einwohner, Stand 31. Dezember 2018) lebten im Jahr 2015 über eine halbe Million ältere Menschen im Alter über 65 Jahre. Den höchsten Altenquotienten verzeichnete laut der Gesundheitsplattform Brandenburg 2015 der Landkreis Oberspreewald-Lausitz mit 46,8 über 65-Jährigen je 100 20- bis unter 65-Jährige, gefolgt von der kreisfreien Stadt Brandenburg an der Havel (45,7). Tendenz überall: steigend. Die Bevölkerungsentwicklung in Brandenburg wirkt sich schon jetzt auf die Zahl der Krankenhausfälle aus, beispielsweise ganz besonders bei Herzinfarkt bei Männern im Alter von mehr als 65 Jahren: Die Krankenhauseinweisungen werden sich von 2.869 im Jahr 2015 bis zum Jahr 2020 auf 3.273 Fälle (+14,1%) und bis zum Jahr 2040 auf 4.293 Fälle (+49,6%) erhöhen. Für die über 80-jährigen Männer wird ein besonders hoher Anstieg prognostiziert: Von 896 Fällen im Jahr 2015 erhöht sich die Fallzahl auf 1.330 im Jahr 2020 (+48,4%) und auf 2.105 Fälle in 2040 (+134,9%). Aber auch andere Krankenhauseinweisungen werden steigen, vor allem assoziiert mit Oberschenkelfrakturen, Depression und Diabetes.
Bei nahezu all diesen Indikationen liegt das Bundesland Brandenburg im Vergleich aller deutschen Bundesländer an der Spitze. Genau das soll sich ändern. Wenn es nach MHB-Präsident Neugebauer geht, der – ohne despektierlich zu sein – die Brandenburger Bevölkerung als Population begreift, der geholfen werden kann: durch Versorgungsforschung. „Kardiovaskulär ist genau darum einer unserer Profilbereiche, weil Brandenburg von allen Ländern Deutschlands am schlechtesten abschneidet, aber keiner genau weiß warum.“ Weitere Profilbereiche des neuen Zentrums für Versorgungsforschung Brandenburg (ZV-BB), das von Univ.-Prof. Dr. med. Martin Heinze zunächst kommissarisch geleitet wird, der aber auch die Professur für Psychiatrie und Psychotherapie inne hat, kümmert sich um weitere Themenbereiche wie Versorgungsforschung in den weiteren Profilbereichen Onkologie und seelische Gesundheit. Im Fokus steht dabei immer, dass es nicht nur um die Methodik geht, sondern explizit darum, die vielfältigen Probleme des Landes mit seiner alternden Bevölkerung lösen zu helfen. Und die ist, wie die Versorgungslandschaft Brandenburgs, die Neugebauer demnächst mit einer Graph-Datenbank kartografieren und vernetzen lassen wird, vorgibt, höchst dezentral. „Alle Lösungen, die wir erarbeiten, müssen in einem strukturschwachen Flächenland wie Brandenburg funktionieren“, erklärt Neugebauer. „Das heißt, dass wir Innnovationen entwickeln und erproben müssen, die in der Lage sind, auf vielen Füßen zu stehen.“
Für die Forschung bedeutet das, dass in den bereits vorhandenen Kompetenzzentren – zum einen das Koordinierungszentrum für Klinische Studien Brandenburg (KKS-BB), zum anderen das Zentrum für Krankheitsorientierte Translationale Grundlagenforschung (ZKTG-BB) – Theorie und Praxis zusammenfließen und mit der Versorgungsforschung verschränkt werden müssen.
Hier treffen sich Praktiker und Theoretiker in bewusst dafür vorgesehenen integrierten kleinen Arbeitsgruppen zum ungezwungenen Austausch von Ideen und Konzepten: Die einen haben das Problem, die anderen vielleicht einen praktikablen Lösungsansatz, den es zu finden und dann zu veri- oder falsifizieren gilt. „Diese kleinen integrierten Arbeitsgruppen, die Theorie und Praxis zusammenbringen, sind das beste Format der Weiterentwicklung von Innovationen“, weiß Neugebauer aus seiner langen universitären Erfahrung, vor allem jener aus Witten-Herdecke, wo solche Core Centren seit langem etabliert sind. Hier können sich alle Beteiligten – forschende Studenten, Ärzte und Wissenschaftler – auf medizinische Forschungsbereiche konzentrieren, die dann mit den Methoden vor allem der Versorgungsforschung angegangen und im besten Falle gelöst werden können.
Damit kommt der Versorgungsforschung als Wissenschaftsrichtung eine ganz andere Rolle als bisher zu. Ist sie bisher eher in der rein deskriptiven, meist über Sekundärdaten agierenden Funktion angesiedelt, wird ihr in Brandenburg ein integraler, sogar steuernder Auftrag erteilt. Denn nur mit den Methoden der Versorgungsforschung kann eine Aufgabenverteilung ins Flächenland mitgedacht und immer auch miterprobt werden, die stets ganz speziell auf ein strukturschwaches Flächenland wie Brandenburg zugeschnitten sein muss. Zudem eine, die im Endeffekt auf alle anderen strukturschwachen Gebiete Deutschlands, im Prinzip sogar ganz Europas übertragen werden könnte.
Nun ist es so, dass die MHB eine staatlich anerkannte Universität ist, die in kommunaler und gemeinnütziger Trägerschaft betrieben wird. Deren Initiatoren – die Rup-
piner Kliniken, das Städtische Klinikum Bran-
denburg, die Immanuel Diakonie (mit der Immanuel Klinik Rüdersdorf und dem Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg), die Stadtwerke Neuruppin und die Sparkasse Ostprignitz-Ruppin – wollen ihren selbst gesetzten Bildungsauftrag erfüllen, speziell den, Ärzte und Psychologen auszubilden, die willens und befähigt sind, im Land zu arbeiten. Zudem sind aktuell über 20 Kliniken und rund 100 Lehrpraxen sowie die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg, die Landesärztekammer Brandenburg und der Hausärzteverband Brandenburg Kooperationspartner der MHB.
Im April 2015 wurden die ersten Studierenden eingeschrieben, so dass nun – nach zehn Semestern Studium plus einem Jahr PJ (nur Mediziner) – die ersten Psychologen (M.Sc.) in diesem Frühjahr bereits fertig ausgebildet sind, und demnächst auch die ersten Ärzte fertig sein – und dann im besten Fall in Brandenburg tätig werden.
Um diese Entscheidung zu befördern, beteiligen sich die kooperierenden Kliniken im Sinne einer Nachwuchsförderung mit dem längerfristigen Ziel der nachhaltigen Personalgewinnung an den für Medizinstudierende anfallenden Studienbeiträgen. Dabei übernehmen sie von den 125.000 Euro, die das gesamte Studium der Medizin kostet, 80.000 Euro. Im Gegenzug verpflichtet sich der Studierende, im Anschluss an sein Studium und an sein PJ bei der Darlehen gebenden Klinik zu arbeiten, verbunden mit der Möglichkeit, hier seine fünf Jahre dauernde Facharztweiterbildung zu absolvieren. Nach vollständigem und erfolgreichem Absolvieren der Facharztweiterbildung hat sich das Darlehen in ein Stipendium gewandelt, das nicht mehr zurückgezahlt werden muss.
Nach dem Grundsatz „Jede und jeder soll studieren können“ wird von der MHB zudem eine Finanzierung des Studiums nach Art eines „Umgekehrten Generationenvertrags“ angeboten: Die Chancen eG übernimmt dabei für Studierende der Medizin rund 30 Prozent des Studienbeitrages, was einer Summe von 45.000 Euro entspricht. Medizinstudenten können darüber hinaus noch eine zusätzliche Finanzierung des Landes Brandenburg beantragen, allerdings verbunden mit einer längerfris-
tigen Tätigkeit in diesem Bundesland.
Kein Wunder, dass inzwischen mehr als 400 Mediziner und Psychologen an der MHB studieren, wobei die Zahl der Studierenden aktuell noch einmal erhöht worden ist, um dem Ärztemangel noch aktiver begegnen zu können. Jedes Semester bewerben sich rund 700 Studienwillige, von denen dann ohne notenbasierten Numerus Clausus (Medizin) 48, ab 2020 dann 96, ausgewählt werden.
Neben der Finanzierung der reinen Lehre, die von den kommunalen und gemeinnützigen Trägern geschultert wird, braucht es aber auch Gelder für die Forschung. Diese kommen zum Teil aus der MBH-internen Forschungsförderung, die bis zu 500.000 Euro pro Jahr als eine Art universitätseigenes F&E-Budget in Form von Anschubfinanzierungen für kleinere Projekte ausschüttet. Desweiteren werden leistungsorientierte Mittel (LOM-Mittel) für Publikationen und eingeworbene externe Drittmittel ausgeschüttet. Ein zunehmend größerer Teil ist für Clinical Scientist-Stellen (Kliniker, die zeitweise in der Forschung arbeiten) reserviert. „Unsere Träger sind schon sehr forschungsaffin“, freut sich Neugebauer.
Weitere Budgets kommen aus Drittmitteln von Projekten aus dem Innovationsfonds, der DFG und des BMBF, sollen künftig aber auch vom Land über eine Direktfinanzierung beigesteuert werden. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke spricht ganz offen von rund zehn Millionen Euro, die pro Jahr für Forschung an die MHB fließen sollen. Neugebauer: „Damit könnten wir einen ganz neuen Typus von Think Tank schaffen, der Medizin und Versorgungsforschung zu einer integralen Einheit formt, um so die gesundheitliche Versorgung einer alternden Bevölkerung nicht nur erforschen, sondern auch steuern zu können.“ <<

Ausgabe 05 / 2019

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