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OA MVF 04/11: MVF-Fachkongress: 10 Jahre DMP

Zehn Jahre sind seit der ersten Diskussion der Disease-Management-Programme vergangen. Zeit, aus den Erfahrungen zu lernen und zu eruieren, ob das seit 2003 eingeführte Modell DMP, das international als Erfolgsmodell made in Germany gilt, wirklich zu einer höheren Versorgungsqualität in Deutschland geführt hat. „Lohnen sich DMP?“, fragt deshalb Prof. Dr. Reinhold Roski, der Herausgeber der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Monitor Versorgungsforschung“ (MVF), die den Fachkongress „10 Jahre DMP“ in Kooperation mit dem Bundesversicherungsamt (BVA) veranstaltet. Roskis Fragen: „Sind DMP ein Erfolgsmodell für integrierte Versorgung?“ „Nach welchen Kriterien sollte man Qualität, Effektivität und Effizienz beurteilen?“ Die Antwort geben 15 Vortragende sowie die Co-Kongress-Vorsitzenden Prof. Dr. Gerd Glaeske und Prof. Dr. Dr. Alfred Holzgreve.

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Erstveröffentlichungsdatum: 02.10.2012

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>> „Zeit, um Bestehendes zu überprüfen und Neues anzugehen“, sagt Prof. Dr. h. c. Herbert Rebscher, Vorsitzender des Vorstandes der DAK, in seinem Statement zur Veranstaltung „10 Jahre Disease-Management-Programme“ am 19. September in Berlin. Die anfängliche Skepsis sei gewichen und inzwischen nähmen mehr als 650.000 Versicherte an den Gesundheitsprogrammen (DMP) seiner Kasse teil – mit weiterhin steigender Tendenz. Rebscher: „Die gesetzlichen, aber auch die zusätzlichen kasseneigenen Evaluationen zeigen, dass die Programme die Erwartungen erfüllen.“ Einerseits werde die Versorgungsqualität erhöht, andererseits Folgeerkrankungen vermieden. Und was den Kassen-Chef besonders freut: Zudem zeigten die Analysen eine Senkung der Leistungsausgaben. Darum plädiert er in seinem Vortrag dafür, dass die Weiterentwicklung der Programme mehrdimensional erfolgen sollte: strukturell, prozessual und inhaltlich.

Auch für Dr. Christian Graf, den Abteilungsleiter für Versorgungsprogramme der Barmer GEK, sind DMP heute zu einem festen Bestandteil qualitätsorientierter Versorgung chronisch Kranker in der GKV geworden. Gleichwohl lägen bislang nur partielle Wirksamkeitsbelege vor. „Um weitere Evidenz über den Nutzen der Programme zu erhalten, sollte eine gesetzliche Evaluation durchgeführt werden“, wie Graf in seinem Vortrag erläutern wird. Für Holger Söldner, dem Abteilungsleiter Versorgungsmanagement Deutsche BKK, bedeuten zehn Jahre DMP „dauerhaftes Optimieren der Analysen, der internen und externen Abläufe und das Anpassen an die sich immer wieder verändernden Anforderungen an Personal und Prozesse“, aber auch, dass sich aus Sicht der Deutschen BKK der Invest zum Wohl des Kunden gelohnt hat, wie er in seinem Vortrag belegen wird.

Etwas anderer Meinung über die Wirkung von DMP ist hingegen Prof. Dr. Roland Linder, der Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse, WINEG. Mit innovativer Methodik habe das WINEG eine Nutzenbewertung des DMP „T2DM“ vorgenommen, indem Routinedaten der Techniker Krankenkasse aus den Jahren 2006 bis 2008 ausgewertet wurden. Linder: „Im Ergebnis zeigten sich hinsichtlich der Inzidenz relevanter Komorbiditäten keine deutlichen Unterschiede zwischen den DMP-Teilnehmern und der Kontrollgruppe, Kosteneinsparungen waren nicht erkennbar.“

Besonders spannend werden deshalb die im Vormittags- und Nachmittagsprogramm (s. S. 16/17) eingeplanten Podiumsdiskussionen sein, die zum einen von Prof. Dr. Dr. Alfred Holzgreve, Direktor Klinische Forschung  und Akademische Lehre des Vivantes Netzwerks  für Gesundheit GmbH, Berlin, zum anderen von Prof. Dr. Reinhold Roski, dem Herausgeber von „Monitor Versorgungsforschung“ (MVF), geleitet werden.

Darin wird Linder unter anderem im Namen der TK fordern, dass künftig „angesichts der noch immer ungeklärten Studienlage und der immensen Programmkosten“ die bestmögliche Evidenz zur Nutzenbewertung von DMP aufgeboten werden muss. Diese sei durch eine kassenübergreifende Evaluation von GKV-Routinedaten - idealerweise durch RCT - vorstellbar.

Eine ähnliche Aufgabe übernimmt bisher das Bundesversicherungsamt (BVA), das deshalb auch der Kooperationspartner dieses Fachkongresses ist. Dessen Präsident wird nach einer kurzen Begrüßung durch MVF-Herausgeber Roski und einem Grußwort von Regierungsdirektorin Dr. Josephine Tautz (Stellv. Referatsleiterin Referat 213 „Gemeinsamer Bundesausschuss, Strukturierte Behandlungsprogramme (DMP)“ beim BMG) den Eingangsvortrag halten.

„Die Einführung von DMP hatte vor allem die Vermeidung von Unter-, Über- und Fehlversorgung der wichtigen und wachsenden Patientengruppe chronisch Kranker zum Ziel“, erklärt Dr. Maximilian Gaßner. Derzeit zeigten über 11.000 laufende Programme und fast sechs Millionen teilnehmende Versicherte den Erfolg der DMP. Denn diese Patienten würden durch ein gezieltes Versorgungsmanagement, das auf aktuellen medizinischen Erkenntnissen basiert, sektorenübergreifend betreut.

Das BVA übernimmt - so Gaßner weiter - hier zwei Schlüsselpositionen: „Zum einen sind wir verantwortlich für das Zulassungsverfahren der DMP. Zum anderen führen wir die gesammelten medizinischen und ökonomischen Daten über Krankenkassen- und regionale Grenzen hinweg zusammen und werten sie im Rahmen der gesetzlich verankerten, vergleichenden Evaluation aus.“ So sei es zehn Jahre nach Beginn der Debatte um DMP in Deutschland an der Zeit, ein erstes Resümee zu ziehen. Gaßner: „Im Rahmen des Kongresses werden die Ziele und Erfolge der DMP in Deutschland von den Anfängen bis zur aktuellen Entwicklung dargelegt.“

Für die Auswertung beim BVA zuständig sind Dr. Christian Gawlik, der dabei auf der wissenschaftlichen Ebene eng mit dem wissenschaftlichen Beirat des BVA, Prof. Dr. Karl Wegscheider, zusammenarbeitet. „Im Wesentlichen müssen zwei Probleme beherrscht werden“, wird Wegscheider erklären. Dies seien die Schaffung eines mathematischen Ausgleichs für Strukturunterschiede und die korrekte Berücksichtigung möglicher Zufallseffekte. Im aktuellen DMP-Vergleich werden daher beide Ziele simultan durch den Einsatz adjustierter empirischer Bayes-Schätzer erreicht, die im Rahmen der Anpassung eines gemischten linearen Modells abgeleitet und anschließend visualisiert werden.  Im Vortrag wird die Funktionsweise dieser Methodik am Beispiel vorgeführt.

Welchen Nutzen die einzelnen Kassen aus diesen Auswertungen im Detail ziehen können, wird Gawlik (Referat VI 4 Medizinische Grundsatzfragen und Evaluation von Behandlungsprogrammen für chronisch Kranke (DMP) beim BVA) vorstellen. „Die dokumentierten medizinischen Parameter und die zusätzlich erhobenen ökonomischen Daten werden für eine vergleichende Evaluation der DMP genutzt“, wird Gawlik vortragen. Nach einer Risikoadjustierung werden dem BVA von den damit durch die Kassen beauftragten Evaluationsinstituten aggregierte Daten übermittelt, die eine vergleichende Darstellung des Gesundheitszustands der Versicherten und der Kostensituation in den DMP ermöglichten. Gawlik: „Diese Informationen geben den Kassen die Möglichkeit, intern und gemeinsam mit den Leistungserbringern qualitätssichernde Prozesse zu steuern.“ Bisher liegen bei der Indikation Diabetes mellitus Typ 2 Daten für den Zeitraum Juli 2003 bis Juli 2008 und bei der Indikation KHK für den Zeitraum Januar 2005 bis Dezember 2009 vor.

Auf der Basis der Analyseergebnisse ließen sich über den Vergleich der DMP hinaus interessante Trends ablesen, die auf nachhaltige Effekte strukturierter Versorgungsstrukturen hinweisen. Und nicht zuletzt könnten verknüpfende Analysen von DMP-spezifischen Qualitätssicherungs- und Verwaltungskosten und medizinischen Daten Informationen zur Effizienz der DMP bereit stellen.

In vielen Vorträgen werden zudem die Schlüsselfaktoren für erfolgreiche DMP thematisiert. Darum wird sich Prof. Dr. Stefan G. Spitzer, der Vorsitzende des Vorstandes der DGIV, in seinem Referat vor allem den Schnittstellenproblemen solcher Projekte widmen. Dabei wird er insbesondere die Koordinierung der medizinischen Zusammenarbeit, technisch-technologische Erfordernisse und noch bestehende rechtliche Hemmnisse bei der Durchsetzung des Prinzips der Integrierten Versorgung in strukturierten Versorgungskonzepten in den Fokus nehmen. <<

von Peter Stegmaier

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