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3G am Arbeitsplatz bewirkte keinen zusätzlichen Anstieg

Die Einführung der Testpflicht für Ungeimpfte am Arbeitsplatz am 24. November hat nicht zu einem spürbaren Anstieg des Krankenstands in den Betrieben geführt. Der Krankenstand liegt vielmehr schon seit Anfang Oktober rund ein Drittel höher als im Mittel der Vorjahre. Das hat eine Datenanalyse der größten regionalen Krankenkasse AOK Nordost auf Basis anonymisierter Versichertendaten ergeben.

Seit dem 24. November dieses Jahres müssen Beschäftigte ihrem Arbeitgeber nachweisen, dass sie geimpft, genesen oder frisch getestet sind. Laut Medienberichten habe die Einführung dieser 3G-Regel am Arbeitsplatz dazu geführt, dass bei der Berliner S-Bahn und bei der BVG Fahrten ausfielen. Ungeimpfte Lokführer hätten sich nach Angaben von Jeremy Arndt von der Gewerkschaft Verdi lieber krankschreiben lassen, anstatt sich der Testpflicht zu unterziehen.

Doch eine taggenaue Datenanalyse des Krankenstands unter den Versicherten der AOK Nordost zeigt nun: Sollte es solche Vorkommnisse gegeben haben, so waren es offenbar Einzelfälle. Die Analyse zeigt nämlich: Der Krankenstand in den Betrieben ist nach Einführung der 3G-Regel am 24. 11. nicht gestiegen. Er liegt vielmehr schon seit Anfang Oktober auf einem sehr hohen Niveau. Diese Aussage ist annähernd repräsentativ, weil in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern rund jeder Vierte bei der AOK Nordost versichert ist.

Konkret meldeten sich in der Woche vom 22. bis zum 28. November 2021 zwar 40 Prozent mehr Menschen krank als im Mittel der Vorjahreswochen – aber schon seit Anfang Oktober liegt der Krankenstand im Schnitt 39 Prozent höher als in den Vorjahren. Weder am Tag der Einführung von 3G selbst noch in den Folgetagen machte der ohnehin schon hohe Krankenstand einen weiteren Sprung. In der Woche nach Einführung der 3G-Regel verharrte der Krankenstand auf einem ähnlichen Niveau – er lag 35 Prozent über dem Vorjahres-Mittel.


Krankenstand stieg offenbar wegen „Nachhol-Infekten“ und Krankschreibungen aus Vorsicht

Dass der Krankenstand bereits seit Anfang Oktober so hoch liegt, ist offenbar eine Folge der Corona-Pandemie. Zum einen meldeten sich insbesondere im November mehr Versicherte wegen einer Corona-Infektion krank als im Vorjahreszeitraum. Zudem verzeichnen Kinderärzt:innen und Kinderkliniken bereits seit dem Herbst deutlich mehr Patient:innen als in den Vorjahren. Das liegt laut dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte daran, dass viele Kinder Infekte „nachholen“, weil sie im Vorjahr wegen des Lockdowns mit bestimmten Erregern kaum in Kontakt kamen. Wahrscheinlich stecken diese Kinder häufig ihre Eltern an, die sich wiederum dann bei der Arbeit krankmelden müssen.

Und zum anderen hat die vierte Welle der Pandemie offenbar dazu geführt, dass sich Erwerbstätige insbesondere bei Erkältungskrankheiten vorsichtshalber schneller krankschreiben lassen, um eine mögliche Corona-Infektion nicht in den Kolleg:innenkreis zu tragen. „Wir behandeln in den vergangenen Wochen auffällig viele Patient:innen, deren Beschwerden erst sehr kurz bestehen. Zu normalen Zeiten hätten sie auf Hausmittel zurückgegriffen. Nun wünschen sie eine Krankschreibung, weil Kolleg:innen oder Vorgesetzte sie aufgefordert haben, zu Hause zu bleiben“ sagt Allgemeinmediziner Dr. Frank Dörner, der in der Hausarztpraxis im AOK-Ärztehaus „Centrum für Gesundheit“ in Berlin arbeitet.


Höchster Krankenstand bereits Anfang Oktober

Den höchsten Ausschlag des Krankenstands gegenüber den Vorjahren verzeichnete die AOK Nordost bereits in der 40. Kalenderwoche vom 4. bis 10. Oktober 2021. In dieser Woche gingen insgesamt rund 23.300 Krankschreibungen ein – 56 Prozent mehr als die rund 14.900 Krankschreibungen im Mittel der Jahre 2018 bis 2020. Seither lag der Krankenstand in jeder Woche zwischen 25 und 54 Prozent über dem Vorjahres-Mittel.

 

Wegfall der Kontaktbeschränkungen deutlich spürbar

Interessant ist auch der Jahr-für-Jahr-Vergleich der Krankenstände von 2018 bis 2021. Dabei zeigt sich: Von September bis Anfang Dezember 2020 lag der Krankenstand rund 12 Prozent niedriger als in den Vorjahren – der „Lockdown light“, der im Herbst und Winter 2020 galt, bremste die Ausbreitung von Infektionskrankheiten spürbar.

Der überdurchschnittlich hohe Krankenstand in diesem Jahr zeugt davon, dass von dieser Schutzwirkung in der kalten Jahreszeit offenbar fast nichts mehr übrig war – die Maskenpflicht in Innenräumen allein reichte offenbar nicht aus, um Ansteckungen bei Infekten zu verhindern. Auch das erklärt die Wucht, mit der die vierte Welle Deutschland erfasste.