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„Soziale Wissenschaft“ im Fokus

04.06.2018 14:00
Wenn man aus dem im Bauhaus-Stil erbauten Gebäude, indem das Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität Marburg untergebracht ist, nach draußen blickt, sieht man Grün, Grün und nochmals Grün – das des Neuen Gartens der Botanischen Gärten der Philipps-Universität auf den Lahnbergen. In dieser schönen Umgebung arbeitet – eng angebunden an die Marburger Uniklinik – das zehnköpfige Team rund um Prof. Dr. med. Max Geraedts, das sich vor allem mit der Analyse von Determinanten der Funktionalität von Gesundheitssystemen und ihrer Komponenten beschäftigt.

http://doi.org/10.24945/MVF.06.18.1866-0533.2102

>> Die Forschung des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie (IVE) der Philipps-Universität Marburg umfasst folgende Schwerpunkte:
• Gesundheitsversorgungsforschung mit dem Schwerpunkt Bewertung und Analyse der aktuellen Qualität der medizinischen Versorgung
• Evaluationsforschung: Evaluation der Einführung neuer gesundheitspolitischer Maßnahmen/Versorgungsformen
• Methodenentwicklung zur Qualitätsmessung und Qualitätsbewertung medizinischer Versorgung (Fokus: Messgrößen-/Qualitätsindikatorenentwicklung).

Was auf den ersten Blick etwas sperrig klingt, erklärt man am besten mit einem praxisnahen Beispiel. Wie etwa das der Krankenhauswahl als Teil der Zugangsthematik, die Geraedts als elektiv bezeichnet. Obwohl die Wahl des richtigen Krankenhauses im hohen Maße outcome-relevant ist, wählen nach Erkenntnissen von Geraedts und seinem Team (1)  viele Patienten gerade jene Klinik, die eigentlich nicht für den vorstehenden Eingriff, eine nötige Prozedur oder das gebotene Verfahren die allerbeste ist. Geraedts: „Das liegt unter anderem daran, dass Patienten die für diese Wahl wichtigen, eigentlich aber vorhandenen Informationen gar nicht verstehen.“ Mit anderen Worten: Die bisher vorliegenden Qualitätsberichte sind für Patienten in der bisherigen Form und Darstellung nicht geeignet. Bisher aber präferieren Patienten nach Erkenntnissen der Marburger oftmals nicht das allernächste Krankenhaus, sondern das Übernächste, wohl alleine deshalb, da man schlechte Erfahrungen aus einer ganz nahen Klinik eher hört als von einer etwas weiter entfernten. So kommt es dazu, dass Patienten im Schnitt 23 Minuten von der aufnehmenden Klinik entfernt sind, was aber auch auf die hohe Krankenhausdichte in Deutschland zurückzuführen ist. Darum arbeitet man in Marburg unter anderem an der Frage, wie man Patienten in die Lage versetzen kann, die jeweils für sie beste Entscheidung zu treffen, was wiederum am besten gemeinsam mit den behandelnden Ärzten funktioniert. „Der Arzt würde als Informationsvermittler oder -mittler eine wesentliche Rolle spielen“, sagt Geraedts, dessen Institut eine Studie erstellt hat, in der evaluiert wurde, welche Informationen Ärzte genau brauchen, um Einweisungsentscheidungen besser treffen zu können. Dabei spielen natürlich Fallzahlen eine Rolle, ebenso die Komplikationsrate, aber auch die Erfahrungen anderer Patienten, jedoch vor allem die eigenen, oft auch persönlichen Erfahrungen eines Arztes mit einer Klinik.
Ein anderes Beispiel wäre das Thema der Patientensicherheit, das nach Meinung von Geraedts über viele Jahre in Deutschland vernachlässigt worden sei, bis Anfang der 90er Jahre in den USA  die Harvard Medical Practice Study veröffentlicht und die wahre Tragweite der Thematik mit dem Buch „Crossing the Quality Chasm“ publik wurde. Seitdem wird auch hierzulande die Frage gestellt, ob denn die Qualität der Versorgung wirklich so ist, wie man sie sich vorstellt, und vor allem, ob Patienten qualitativ hochwertig und sicher behandelt werden oder eben nicht. Weil nun eine systematische Übersichtarbeit des Sachverständigenrats Ge-
sundheit nahelege, dass die vorhandenen ausländischen Studienerkenntnisse zur Qualität und Sicherheit der stationären Versorgung ausreichend seien, bekomme die Versorgungsforschung, die Geraedts genauer Gesundheitsversorgungsforschung genannt wissen will, seinem Gefühl nach fast keine entsprechenden Studienanträge durch. „Was ein Blödsinn“, meint der Wissenschaftler, der darum diesen Themenkreis darum im ambulanten Sektor erforscht.
Eben ist Geraedts Ausführungen zufolge die Datenerhebung für eine vom Innovationsfonds geförderte Studie zur Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung  beendet worden, bei der mehr als 10.000 Bundesbürger über 40 Jahre zu ihren Erfahrungen mit patientensicherheitsrelevanten Ereignissen befragt wurden. Schon jetzt lasse sich in der Phase der Datenauswertung erkennen, dass wohl viel mehr patienten-
sicherheitsrelevante Ereignisse berichtet werden als bisher angenommen wurden. Darunter seien natürlich Fälle, bei denen zwar falsch gehandelt wurde, aber kein Schaden entstand. „Das hätte aber für den Patienten auch anders ausgehen und gefährlich werden können,“, erklärt Geraedts, der nun mit seinem Team in die Datenanalyse einsteigt, vor allem um Ansatzpunkte für Verbesserungspotenziale auf der System- und Populationsebene beschreiben zu können. Genau das ist für ihn die Aufgabe der klassischen Gesundheitsversorgungsforschung, nämlich herauszufinden, „wer macht was wann wie warum mit welchen Effekten in der Routineversorgung und wie kann man das Ganze besser machen“.
Genau das sind die in Marburg zu erforschenden Determinanten der Funktionalität von Gesundheitssystemen. Um diese zu erforschen, braucht man auf der einen Seite Sekundärdaten von Krankenkassen und Qualitätsberichten, auf der anderen aber auch eigens für bestimmte Fragestellungen erhobene Primärdaten. Wie etwa im eben begonnennen – vom Innovationsfonds geförderten – Forschungsprojekt QUASCH, bei dem die qualitätsgesicherte Schlaganfallversorgung in Hessen im Vergleich zum übrigen Bundesgebiet erforscht wird.
Zusätzlich zur Forschung ist das Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie eng in die Ausbildung eingebunden, enger als so manch anderer Lehrstuhlinhaber dieses Genres. Denn Geraedts sieht die Medizinstudenten weit öfter als andere Kollegen. Er lehrt medizinische Soziologie im ersten und zweiten Semester, danach im Querschnittsbereich 3 im 5. und 6. Semester, in dem die Gesundheitsökonomie, das Gesundheitssystem und das öffentliche Gesundheitswesen behandelt werden. Und dann noch einmal, wenn im 9. und 10. Semester kurz vor dem PJ die Sozialmedizin an die Reihe kommt. Geraedts: „Das heißt, wir sehen die Studenten vom 1. bis zum 10. Semester und können mit ihnen das große Thema diskutieren, welchen Einfluss die Gesellschaft auf Gesundheit hat, und das in immer neuen, verschiedenen Facetten.“
Ergänzend dazu ist Geraedts Sach-
verständiger beim IMPP (Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen) für den Bereich Sozialmedizin, einem Fach, bei dem sich Themen vieler Querschnittsbereiche überschneiden,  das aber auch Bezugspunkte zur medizinischen Soziologie hat.
All das lernen Medizinstudierende in Marburg von Geraedts und seinem Team, der sagt: „Wir müssen unsere Studierenden so ausbilden, dass sie nachher wissen, in welchem System sie arbeiten und welche Einflüsse ihre Arbeit determinieren.“ Damit lernen die Marburger Studierenden die Bedeutung sozialer Bedingungen für Gesundheit und Krankheit und die gesellschaftlichen Vorkehrungen zur deren Bewältigung kennen – letztlich also das, was die Medizin-Granden Salomon Neumann und Rudolf Virchow so zusammenfassten: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft“. <<

Prof. Dr. med. Max Geraedts, M.San.
ist seit Juni 2016 Leiter des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie (IVE) an der Philipps-Universität Marburg.
01/2009 – 05/2016: Lehrstuhlinhaber und Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung der Univ. Witten/Herdecke. 05/2000 – 12/2008: Professur für Public Health an der Heinrich-Heine-Univ. Düsseldorf. 2000: Habilitation für das Fach Gesundheitssystemforschung an der Eberhard-Karls-Univ. Tübingen. 1998 – 2000: Wiss. Mitarbeiter am Institut für Medizinische Informationsverarbeitung der Univ. Tübingen. 1998: Anerkennung im Bereich „Ärztliches Qualitätsmanagement“ der Bezirksärztekammer Südwürttemberg“. 1997 – 1998: DFG-Forschungsstipendium und Postdoctoral Fellowship „Health Services Research“, Univ. of California, San Francisco. 1993 – 1997: Wiss. Mitarbeiter am Institut für Medizinische Informationsverarbeitung der Univ. Tübingen. 1993: Wiss. Mitarbeiter am Institut für Statistik in der Medizin der Univ. Düsseldorf. 1993: Magister des öffentlichen Gesundheitswesens (Magister sanitatis, M.san.) an der Heinrich-Heine-Univ. Düsseldorf. 1991 – 1993: Studium der Gesundheitswissenschaften und Sozialmedizin in Düsseldorf. 1991: Promotion zum Doktor der Medizin an der Philipps-Univ. Marburg. 1989 – 1991: Ärztliche Tätigkeit an der Urologischen Klinik des Univ.-klinikums Marburg. 1983 – 1989. Medizinstudium an der Philipps-Univ. Marburg.

Ausgabe 01 / 2019

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