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„Chance für Visionäre“

Interview mit Prof. Dr. med. Dr. med. h.c Peter Scriba, Jury-Mitglied des MSD Gesundheitspreises

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Erstveröffentlichungsdatum: 30.03.2016

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>> Die fünf Kriterien, die Bewerber für den Gesundheitspreis von MSD überspringen müssen, sind eine sehr hohe Hürde.
Das ist auch gut so. Denn das garantiert das, was mich dazu bewegt, seit Jahren in der Jury mitzuwirken und so den Preis zu unterstützen.

Was finden Sie denn so außergewöhnlich?
Zum einen ist der Preis relativ hoch dotiert, auch wenn sich die jährliche Fördersumme von 100.000 Euro meist auf fünf bis sechs Gewinnträger verteilt. Dennoch ist das für die Menschen, die sich da bewerben, viel Geld. Die oben genannten fünf Kriterien, aber auch die Arbeit der Jury führt dann dazu, dass dieses Geld vernünftig verteilt wird.

Definieren Sie doch bitte „vernünftig“.
Vernünftig heißt für mich: Es nützt dem Patienten. Dabei geht es in der Regel weder um eine neue Methode, ein Verfahren oder eine neue Substanz, sondern meist um genau das, was sehr, sehr nah an dem ist, was die Versorgungsforschung will: Zu erreichen, dass möglichst jeder Patient mit einer möglichst optimalen Versorgungsqualität betreut werden kann. Auf dass die Menschen länger leben, sie zumindest schneller gesund werden oder wenigstens ihre Lebensqualität steigt.

Wäre das nicht Aufgabe der Selbstverwaltung und damit des G-BA?
Viele Versorgungslücken können doch durch vom G-BA definierte Versorgungssysteme weder erfasst, noch vernünftig gelöst werden. Das kann aber durchaus das gesellschaftliche Engagement einiger weniger, die es immer wieder schaffen, real existente Versorgungslücken mit guten Ideen regional oder gar überregional zu füllen.

Wer bewirbt sich denn für den Gesundheitspreis?
Zu meiner großen Überraschung melden sich bei diesem Preis wahre Überzeugungsträger, die aus eigenem Antrieb heraus etwas bewegen wollen und sich durch eine solche Ausschreibung vielleicht zum ersten mal trauen, an eine breitere Öffentlichkeit zu treten. Da sind regelrechte Überraschungssieger dabei, wobei es als Juror echt Spaß macht zu sehen, was da kommt.

Gab es denn wirklich echte Überraschungen?
Sicherlich. Ich erinnere mich sehr gut an ein Hamburger Projekt, bei dem eine internistische Station in einem kleinen Krankenhaus so umgebaut wurde, dass es für die Betreuung dementer und geriatrischer Patienten geeignet war. Oder ein anderes Projekt in Schwaben und Bayern, das sich der Prävention geriatrischer Stürze gewidmet hat, indes nicht in der Nähe von geriatrischen Abteilungen, sondern dort, wo die betroffenen Menschen wohnen: auf dem Land. Die sind von Dorf zu Dorf gezogen, haben dort die älteren Menschen aufgesucht und diese dazu gebracht, sich mit vorbeugenden Maßnahmen zu beschäftigen. Und das mit Hilfe des Landfrauenverbands, mit einer Krankenkasse speziell für die ländliche Bevölkerung, dem Gesang- und dem Sportverein. Das nenne ich mal ein originelles, aber auch sehr gelungenes, weil patientennahes, mit vielen gesellschaftlichen Gruppierungen agierendes und deshalb auch sehr erfolgreiches Präventionsprojekt mit obendrein landesweiter Konsequenz. Ich bin schon gespannt, was die Jury dieses mal zu sehen bekommt.

Könnten solchen Ideen nicht auch mehr Raum innerhalb des Innovationsfonds gegeben werden?
Ob man die Menschen, die sich beim Gesundheitspreis bewerben, nun Amateure, Überzeugungstäter, Entrepreneure, Außenseiter oder Querdenker, besser wohl Visionäre nennt: Deren Ideen haben in einem System der Begutachtung öffentlicher Mittel und dessen Einsatz im Bereich der Forschungsförderung wenig bis überhaupt keine Chancen.

Warum denn?
Visionäre gehen in einem Fördersystem einfach unter, weil es demokratisch legitimiert entweder Steuer- oder wie im Fall des Innovationsfonds auch Gelder ausschütten muss, die aus Mitgliedsbeiträgen rekrutiert werden. Damit hat die Selbstverwaltung eine enorme Verantwortung, dass das eingesetzte Geld bestmöglich ausgegeben wird, wozu eine hinreichende Evidenz erforderlich ist.

Und beim Gesundheitspreis?
Bei dem wird eine Art von altruistischem Risikokapital in die Hand genommen. Das ist auch gut so, denn damit kann man außergewöhnliche Ideen belohnen, sie damit auch ein Stück weit unterstützen. Der Preis ist damit durchaus eine Art von Translationspreis um tolle Ideen auszuzeichnen, mit denen die Versorgung nachhaltig verbessert werden können. Übrigens ist das auch ein ganz wichtiges Kriterium der Ausschreibung.

Eine Pharmafirma agiert altruistisch?
Diese Art von Förderung ist zum großen Teil purer Altruismus, doch schlau verbunden mit einem Akt des Wissensmanagements. Bei jeder Ausschreibung, noch dazu bei einer so hoch dotierten, kommen viele Bewerbungen auf und damit jede Menge neuer Informationen. So gesehen ist ein Forschungspreis eine äußerst preiswerte Art und Weise, nicht nur an wichtige Informationen, sondern auch an Ideengeber zu kommen. Keiner macht doch etwas nur für Gotteslohn, dass macht weder eine Pharmafirma, noch eine Krankenkasse.

Sollte nicht der pharmazeutischen Industrie viel mehr die Möglichkeit geben werden, sich aktiv als Systempartner einzubringen?
Pharmafirmen haben in der Vergangenheit sicher einiges gemacht, was nicht ganz sauber war. Doch auf der anderen Seite ist der Ruf dieser Industriesparte viel schlechter, als die meisten, die heute hier arbeiten, es verdient haben. Auch wird jeder ehrliche Wissenschaftler zugeben müssen, das er jahrzehntelang ganz vernünftig und sauber mit der Pharmaindustrie zusammengearbeitet hat – und wenn überhaupt, dann äußerst selten mit Ansinnen konfrontiert wurde, bestimmte Daten zurückzuhalten. Dem darf man dann einfach nicht nachgeben, denn Lügen haben doch meist sehr kurze Beine. <<