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Der Markt der Anti-Alzheimer-Präparate

Medikamentöse Alzheimerversorgung in Deutschland

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Erstveröffentlichungsdatum: 01.10.2009

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In Deutschland leiden in etwa eine Million Menschen an Demenz, etwa 700.000 davon an der Alzheimer-Krankheit. In 20 bis 30 Jahren wird sich nach offiziellen Schätzungen diese Zahl verdoppelt haben. Der Markt für Anti-Alzheimer-Präparate erlebt jedoch bereits heute ein deutliches Wachstum.

>> Die Versorgung mit Anti-Alzheimer-Arzneimitteln hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland positiv entwickelt. Auch wenn eine Heilung der Alzheimer-Demenz nach dem heutigen Stand der Medizin nicht möglich ist, stehen doch einige wenige Arzneimittel zur Verfügung, die dabei helfen, den Abfall der kognitiven Leistungsfähigkeit hinauszuzögern (vgl. z. B. IQWiG 2007: Cholinesterasehemmer bei Alzheimer-Demenz). Gleichwohl fällt das Urteil des IQWiG hinsichtlich des Nutzens von medikamentösen Therapien nicht uneingeschränkt positiv aus, wie auch anhand der Diskussion um den am 10. September 2009 veröffentlichten Abschlussbericht zu „Memantin bei Alzheimer Demenz“ sichtbar wird.
Es sind steigende Absatzzahlen für Anti-Alzheimer-Präparate zu verzeichnen. Im Jahr 2008 wurden über 1,5 Millionen Packungen von Anti-Alzheimer-Medikamenten (ATC-Code nach EphMRA: N07D „Anti-Alzheimer-Präparate“; z. B. exklusive Gingko biloba) über den pharmazeutischen Großhandel an Apotheken distribuiert (vgl. Abb. 1).
Dies entspricht einem Anstieg von knapp 11 Prozent gegenüber 2007. Bezogen auf Apothekenverkaufspreise (AVP) entspricht die abgesetzte Menge einem Umsatz von 316 Mio. Euro im Jahre 2008.
Neben dem Wirkstoff Memantin werden insbesondere Cholinesterasehemmer (Donepezil, Galantamin und Rivastigmin) zur Demenzbehandlung eingesetzt. Diese machen nach aktuellen Analysen von INSIGHT Health rund 60 Prozent des Apothekeneinkaufs von Anti-Alzheimer-Präparaten aus (vgl. Abb. 2) und sind mit 13,3 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr wesentlicher Treiber des Anstiegs.
Regionale Besonderheiten
Es finden sich deutliche Unterschiede in den Arzneimittelumsätzen resp. –ausgaben für Anti-Alzheimer-Präparate zwischen den Bundesländern. Während in den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin die niedrigsten Pro-Kopf-Ausgaben für Anti-Alzheimer-Präparate zu verzeichnen waren, sind diese Ausgaben in den neuen Bundesländern teils merklich erhöht. Die Pro-Kopf-Ausgaben (nach AVP) innerhalb dieser Verordnungen liegen in Bremen knapp unter einem Euro pro Jahr. Der Vergleichswert in Sachsen beträgt 6,11 Euro, also mehr als das Sechsfache. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 3,68 Euro. (vergl. Abb. 3)
Risikofaktor Alter

Das Lebensalter stellt ein wesentliches Korrelat der Alzheimer-Erkrankung dar. Dies spiegelt sich auch in den Zahlen zur Alzheimer-Erkrankung wider. Wie aktuelle Analysen von INSIGHT Health zeigen, werden über 97 Prozent der Anti-Alzheimer-Präparate an Patienten verschrieben, die älter als 60 Jahre sind (vgl. Abb. 3).
Derzeit sind rund sieben Prozent der über 65-Jährigen von Alzheimer-Demenz betroffen. Prävalenz- und Inzidenzziffern steigen mit fortschreitendem Alter an (vgl. Deutsche Alzheimer-Gesellschaft: Selbsthilfe Demenz, S.1). Die steigende Lebenserwartung wird zukünftig zu einem weiteren Anstieg der Erkrankungsziffern führen.
Ein Erklärungsansatz für die zuvor skizzierten regionalen Unterschiede stellt das Alter der Bevölkerung dar. So ist in vielen Regionen der neuen Bundesländer das Durchschnittsalter deutlich erhöht. Während das statistische Durchschnittsalter der Deutschen 2007 bei 42,9 Jahren lag, ist dieser Wert für Sachsen bzw. Sachen-Anhalt um 2,5 Jahre höher (vgl. Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 12/2008, S.1). In weiteren Analysen sollte nun untersucht werden, inwieweit es auch Unterschiede hinsichtlich des Versorgungsniveaus in den Bundesländern gibt. So fällt beispielsweise auch auf, dass im GKV-Markt die Memantine in Berlin nur 23,6 Prozent der Ausgaben für Anti-Alzheimer-Präparate ausmachen, in Bremen aber 38,2 Prozent (nach RVI, INSIGHT Health).
Die Alzheimer-Demenz ist in allen Altersgruppen bei Frauen häufiger als bei Männern (vgl. Schmidt et al.: Geschlechtsspezifische Unterschiede der Alzheimer Demenz; in: Neuropsychiatrie, Band 22, Nr. 1/2008, S. 1–15), was sich auch auf Seiten der medikamentösen Versorgung feststellen lässt. Rund 65 Prozent der Anti-Alzheimer-Präparate werden – unabhängig von der Wirkstoffgruppe - an Frauen verschrieben (nach Patienten Tracking, INSIGHT Health).
Die erhöhten Zahlen gehen mit der höheren Lebenserwartung von Frauen einher. So liegt beispielsweise die Lebenserwartung für neugeborene Mädchen mit 82,4 Jahren rund 5,2 Jahre oberhalb des Vergleichswertes von neugeborenen Jungen (vgl. Pressemitteilung Nr. 364 des Statistischen Bundesamtes vom 24.09.2009: „Lebenserwartung in Deutschland steigt weiter an“). <<
von: Christian Bensing /
Dr. André Kleinfeld*