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„Die Strukturfrage ist nicht alles entscheidend“

In der Podiumsdiskussion „Wege aus dem Innovationsstau“ wurde unter Moderation von Prof. Dr. Dr. Alfred Holzgreve (Vivantes) die erste Vortragssession resümiert. Es dikutierten die Vortragenden Dr. Stefan Etgeton (Bertelsmann Stiftung), Prof. Dr. Bertram Häussler (IGES Institut), Prof. Dr. Wolfgang Greiner (Universität Bielefeld), Prof. Dr. Neugebauer (IFOM, Köln), es meldeten sich zu Wort Helmut Hildebrandt (OptiMedis) und Antje Domscheit (BVA).

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Erstveröffentlichungsdatum: 28.05.2013

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>> Holzgreve: Der Begriff Innovation ist in anderen Branchen positiv besetzt, nicht so in unserer. Das kommt daher, dass wenn in der Medizin etwas Neues, wirklich Innovatives auf dem Markt gebracht wird, dass damit das Alte nicht ersetzt wird und wegfällt, sondern das Neue einfach dazukommt. Diese Addition statt Substitution ist ein großes Problem aller Gesundheitssysteme, nicht nur des deutschen. Im Krankenhaussektor ist das ganz anders. Wenn sich eine Klinik ein neues, innovatives Großgerät kauft, lässt man das alte doch nicht weiterlaufen wie bisher – es wird verkauft, abgeschafft, was auch immer. Die Kunst wird es sein, auf einer hohen Evidenzbasis zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt eine Innovation wirklich eine ist. Doch wie? Machen wir das in einem dirigistischen Ansatz oder einem, der den Stakeholdern mehr Freiheiten lässt? Ganz wichtig ist ebenso die Frage des richtigen Zeitpunkts, weil davon zu hohem Maße der Grad der Evidenz abhängt. Herr Prof. Häussler, Sie führten in Ihrem Vortrag aus, dass Innovation nicht gleich Innovation sei. Wie und wann können wir Innovation als solche beurteilen?

Häussler: Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt ist nach der Wende mehr oder weniger nicht mehr gestiegen. Das heißt doch im Umkehrschluss, dass Innovationen – ob nun im ambulanten oder stationären Sektor – letztendlich die steigenden Dienstleitungskosten aufwiegen, denn die Gesamtsumme bleibt ja annähernd gleich. Auf der anderen Seite muss man konstatieren, dass in den letzten – sagen wir mal – dreißig Jahren, gerade diese Innovationen dafür gesorgt haben, dass die Sterblichkeit enorm zurückgegangen ist, auch wenn das früher überhaupt nicht evidenzbasiert zugegangen ist. Wir müssen uns für die Zukunft vielleicht klarmachen, dass die Art und Weise, wie wir derzeit Evidenz prüfen, nicht eine gesamtgesellschaftliche Methode ist, sondern immer nur auf den Einzelfall oder die Einzel­intervention bezogen ist. Doch das Zusammenwirken von allem wird bisher überhaupt nicht geprüft. Wenn wir an diesem Punkt keinen Fortschritt machen, werden wir bei unseren Evidenzprüfungen sehr viel Ineffizienz haben.

 

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