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„Ein zweischneidiges Schwert“

Die Auswirkungen des demographischen Wandels haben die DGbV dazu veranlasst, eine Arbeitsgruppe mit dem Namen „65 Plus“ zu gründen. Nicht zuletzt fordert die DGbV eine stärkere Bürgerorientiertheit auf ältere, besonders geistig oder körperlich beeinträchtigte Mitbürger im deutschen Gesundheitswesen. Die neu gegründete Gruppe dient zwei Zielen. Zum einen sollen die noch fitten Menschen über 65 dazu ermuntert werden, weiterhin alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihrem Leben noch viele erfüllte Jahre abzugewinnen. Zum anderen sollen aber auch ältere, multimorbide und polypharmakotherapierte Mitbürger vor Schäden durch Über-, Unter- oder Fehlversorgung bewahrt werden. Über den zweiten Themenkomplex referierten drei Experten auf einer Startschuss-Veranstaltung von „65 Plus“ in Berlin.

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Erstveröffentlichungsdatum: 28.05.2013

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>> Nach der Begrüßung der Veranstaltungsteilnehmer durch den Arbeitsgruppenleiter Rudolf Bals ergriff Prof. Dr. med. Ingo Füsgen, Abteilung Geriatrie an der Universität Witten/Herdecke, das Wort. In seinem Vortrag unter dem Titel „Multimedikation und Polypharmakotherapie im Alter“ führte er in die Problematik der Gesundheitsversorgung älterer Patienten ein. Laut Füsgen beinhalteten bestimmte Krankheitsbilder eine höhere Multimorbidität. „Man kann noch so viel von Gesundheitserziehung und -prävention sprechen“, sagte der Mediziner, doch gebe es nun einmal die altersabhängigen Krankheiten. „Ein achtzig Jahre alter Mensch hat sowohl in Nigeria als auch in Deutschland das gleiche Risiko, an Demenz zu erkranken“, machte er deutlich. Große Patientenstudien zeigten zudem, dass gerade Demenz-Erkrankte eine hohe Komorbidität
aufwiesen und häufiger hospitalisiert werden müssten. Demenz und Krankenhaus seien daher derzeit ein wichtiges Thema.


Füsgen: „Höhere Chance, dement zu werden!“
Daraufhin erklärte der Referent, warum eine medikamentöse Therapie im Alter problematisch ist. Zum einen nähmen die Patienten mehrere Medikamente gleichzeitig ein, im Durchschnitt gegen vier behandlungsbedürftige Krankheiten. Menschen mit vier verschiedenen Erkrankungen hätten aber eine höhere Chance, dement zu werden, betonte Füsgen. In erster Linie seien dies chronisch kranke, hochbetagte Patienten. Dies belegte der Experte mit folgenden Zahlen: Ein Drittel der chronisch Erkrankten nehme vier und mehr Arzneimittel ein, in der Altersgruppe der 85- bis 94-Jährigen sei der Medikamentenverbrauch am höchsten. Darüber hinaus würde eine große Zahl der Medikamentenverbraucher von Studien noch gar nicht erfasst und deshalb unterschätzt.
Als Beispiel führte Füsgen eine 72-Jjhrige Patientin ein, die an zehn Krankheiten litt, die behandelt werden mussten. In diesem Zusammenhang brachte der Experte das Problem folgendermaßen auf den Punkt: „Bei 10 Prozent der Patienten besteht eine Untermedikation, bei 19 Prozent eine Fehlmedikation, individuell unterschiedliche Arzneimitteleffekte sind zudem häufig im Alter.“ Er verwies dabei auf das „Deutsche Ärzteblatt“, nach dessen Berechnungen aus dem Jahr 2012 drei bis vier Menschen über 65 Jahre potenziell inadäquate Arzneimittel einnehmen würden. „Das ist eine unglaublich gefährliche Aussage“, hielt Füsgen fest, „das bedeutet nämlich, dass die Ärzte schlecht sind“, resümierte er.
Eine Studie mit Altenheimen hätte zudem belegt, dass die Zahl der Unerwünschten Arzneimittelereignisse (UAE) im direkten Zusammenhang mit der Zahl der verabreichten Medikamente steht. Festgehalten wurde die Zahl der Tage bis zum Eintritt eines UAE – das Ergebnis: Je mehr Medikamente verabreicht wurden, desto schneller und desto mehr Nebenwirkungen traten auf. „Die Frage lautet also, wie können Medikamente, die die problematischen Nebenwirkungen verursachen, ersetzt werden?“, so Füsgen.

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