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Impfungen für Kinder für die „Herdenimmunität“?

Kommentar von Pater Klaus Mertes SJ, früherer Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, danach Kollegdirektor am internationalen Jesuitenkolleg in St. Blasien

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Erstveröffentlichungsdatum: 22.09.2021

Zitationshinweis: Mertes, K.: „Impfungen für Kinder für die Herdenimmunität?“, in „Monitor Versorgungsforschung“ (05/21), S. 41. http://doi.org/10.24945/MVF.05.21.1866-0533.2353

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>> „Wenn wir jedem in Deutschland ein Impfangebot gemacht haben, dann können wir zur Normalität in allen Bereichen zurückkehren.“ Auf diesen seinen Satz in einem ZDF-Interview am 12.9.2021 angesprochen erwiderte Kanzleramtschef Helge Braun, die Zusage ließe sich noch nicht umsetzen, unter anderem deswegen, weil es kein Impfangebot für Kinder gäbe. Damit sei noch nicht „allen“ ein Impfangebot gemacht. Mit dem Ohr des Pädagogen gehört bedeutet das: Zur Normalität können wir erst zurückkehren, wenn alle Kinder ein Impfangebot haben. Also liegt das Problem bei den Kindern. Und diese Botschaft kommt auch bei den Kindern an.
Ein Angebot für Kinder ab 12 Jahren steht zur Verfügung, spätestens seit die STIKO die entsprechende Impfung empfohlen hat. Für Fünf- bis Elfjährige hat Biontech kürzlich als erste Firma Studienergebnisse zur Wirksamkeit ihres Covid-19-Impfstoffs vorgelegt (vgl. TAGESSPIEGEL, 21.9.2021). Doch vor dem Ganzen ist eine Klammer zu setzen: Der Sinn der Impfung von Kindern besteht in erster Linie gar nicht darin, die Kinder zu schützen. „Die Überlebensrate bei Covid-19 von Kindern unter 18 Jahren beträgt ohne medikamentöse Behandlung 99,998 %.“ (Centers for Disease Control and Prevention). Auch die Hinweise auf ein besonderes „Long-Covid“-Risiko bei Jugendlichen werden inzwischen relativiert. Aufgrund von Studien zweifelt man inzwischen sogar daran, dass Long-Covid bei Minderjährigen überhaupt ein Problem sei (vgl. ZDF heute-journal vom 28.7.2021).
Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Politik auf die Impfung von Kindern hauptsächlich drängt, um die sogenannte „Herdenimmunität“ herzustellen. Das ist allerdings ein Grund, der bei Eltern und Kindern nicht unbedingt Vertrauen schafft. Kinder werden zum Mittel für den Zweck gemacht. Die Botschaft der Gesellschaft an sie lautet: Ihr seid ein Infektionsrisiko. Wenn ihr euch nicht impfen lasst – oder wenn eure Eltern das nicht wollen –, dann leidet die gesamte Gesellschaft weiter an den Einschränkungen der Grundrechte, und ihr seid schuld.
Diese Diskussion ist in den Schulen und Kitas angekommen: Bei den Eltern, bei dem pädagogischen Personal, und bei den Jugendlichen selbst, auch bei den Kleinsten und Schutzbedürftigsten. Sie spaltet Erzieher- und Lehrerkollegien, Kindergruppen und Schulklassen, Elternvertretungen und Elternabende, und schließlich Familien einschließlich der Beziehung zwischen Eltern und Kindern – und zwar aus unterschiedlichsten Gründen. An der Frage nach der Impfung, genauer: nach dieser Impfung scheiden sich immer mehr die Geister. Dabei geht es lange nicht mehr nur um eine kühle Abwägung möglicher Risiken. Es geht um die Frage nach Vertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft. Es geht um Misstrauen, um Diffamierungen, Verletzungen, Gesprächsabbruch, Beziehungsabbruch. Auch die Sprache über die Impfung selbst versagt in dem Maße, in dem sie eskaliert: Während die einen von der Impfung als „Erlösung“ sprechen, nennen andere sie eine „Bio-Waffe“ (Mike Yeadon, Luc Montagnier u.a.).
Bleiben wir noch kurz bei der Impfung. Nie war bisher in der Geschichte die „Gewährung“ von Grundrechten an eine Impfung gebunden. Nie zuvor wurde eine flächendeckende gesundheitspolitische Präventionsstrategie mit einem Impfstoff kombiniert, dessen Langzeitfolgen allein schon deswegen nicht bekannt sein können, da er ja erst seit einem knappen Jahr eingesetzt wird. Gerade diese Impfung fordert ja deswegen das Vertrauen besonders heraus. Dieses Vertrauen wird jedoch erschüttert, wenn die Skepsis Aggression hervorruft, gerade auch in der öffentlichen Sprache – „Impfgegner“, „Esoteriker“, „Bekloppte“ (Joachim Gauck). Es ist nachvollziehbar, dass Eltern gerade bei der Impfung ihrer Kinder besonders sorgfältig hinschauen. Kann man ihnen verdenken, wenn sie unter dem gestiegenen Impfdruck beginnen, sich mit Geschichten wie die der Schweinegrippe 2009 zu befassen, wie sie in der Arte-Dokumentation „Profiteure der Angst“ erzählt wird und nun schon seit 1½ Jahren im Internet zu finden ist? Damals wurde ein Impfstoff als Ausweg aus der Pandemie als sicher angeboten; nach längerer Zeit stellt sich heraus, dass er eine schwere Nebenwirkung (Narkolepsie) auslöst, woraufhin er unverzüglich vom Markt genommen wurde.
Schon einmal hat die Politik im Herbst 2020 rückblickend zugegeben, dass man bei dem ersten Lockdown zu wenig auf die Kinder und Jugendlichen geachtet habe, und auch nicht auf die überforderten Eltern in prekären Verhältnissen, auf sexualisierte Gewalt und Misshandlungen in Familien, auf Vereinsamung, Depression, Waschzwänge, Spielsucht, Essstörungen und so weiter. Im Herbst dieses Jahres geht es nun mit dem Druck weiter, gefühlt bei vielen sogar schärfer als im Frühjahr 2021, seit das Impfthema hinzugekommen ist. Der päda-
gogische Preis ist jedenfalls hoch, wenn man die „Durchimpfung“ der Kinder und Jugendlichen zum Schlüssel für das Offenhalten der Bildungsinstitutionen macht, oder gar zum Schlüssel für die Beendigung der Maßnahmen. Weil ein Mädchen positiv getestet ist, wird eine ganze Kita geschlossen und werden die ungeimpften Eltern mit in Quarantäne verwiesen. Weil ein Junge in der dritten Klasse eine ärztliche Maskenbefreiung hat, muss er sich in die hintere Ecke setzen und wird mit Plexiglas-Scheiben eingekreist. Lehrer fragen in Klassen ab, wer geimpft ist und wer nicht geimpft ist. Ungeimpfte Kinder müssen sich von Lehrer:innen Sprüche anhören wie: „Wenn ich auf der Intensivstation liege, schreibe ich dir eine Postkarte.“ Wer sich weigert, auf die Frage „Bist du geimpft?“ zu antworten, gilt als ungeimpft. Mobbing-Situationen entstehen nicht nur, sondern werden sogar legitimiert: Wenn Ungeimpfte von Geimpften gehänselt werden, dann sei das „vielleicht zu akzeptieren“ (Heinz Faßmann, ÖVP-Bildungsminister, in heute.at, 12.8.2021). Die pädagogischen und damit auch gesundheitlichen Kollateralschäden werden beiseitegeschoben. Sie werden die Gesellschaft noch viele Jahre lang beschäftigen. Sie sind „dramatisch – sie sind auch viel dramatischer als die Folgen der Infektion selbst“ (Jakob Maske, Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, ZDF-Mittagsmagazin, 15.9.2021).
Die Politik hat sich verrannt. Deswegen steigert sie den Druck auf die Kinder und deren Eltern. Doch anstatt das Problem auf dem Rücken der Kinder auszutragen, stünde etwas ganz anderes an, zum Beispiel eine Rede an die Kinder: Ihr seid nicht das Risiko. Ihr seid nicht schuld daran, dass die Maßnahmen noch aufrechterhalten werden müssen. Überhaupt: Diese ganzen Schuldzuweisungen an irgendwelche Gruppen führen uns in die Irre. Mehr noch: Ihr braucht uns nicht zu schützen – denn wir sorgen schon selbst dafür, dass wir uns schützen. <<