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Medikalisierungs- und Kompressionsthese

Die Medikalisierungs- und die Kompressionsthese sind zwei „konkurrierende“ Ansätze in Bezug auf die Frage, in welchem Gesundheitszustand ein längeres Leben, insbesondere die Lebensjahre in höherem Alter verbracht werden. Neben der individuellen Bedeutung von Quantität und Qualität der Lebensjahre ist die Relevanz dieser Frage für das Gesundheitswesen hoch, denn nicht nur in der Vergangenheit ist die Zahl bzw. auch der Anteil der älteren Menschen gestiegen, es wird im Kontext des demografischen Wandels ein weiterer Anstieg, auch der Lebenserwartung, prognostiziert – und die Auswirkungen auf die Versorgungsbedarfe bzw. Ausgaben im Gesundheitswesen können beträchtlich sein.

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Erstveröffentlichungsdatum: 22.07.2022

Zitationshinweis: Hummel, K., Wrzeziono, S.: „Medikalisierungs- und Kompressionsthese“,in „Monitor Versorgungsforschung“ (04/22), S. 46-49. http://doi.org/10.24945/MVF.04.22.1866-0533.2425

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>> Die Medikalisierungsthese, die im Wesentlichen auf Gruenberg (1977) zurückgeht, beruht auf den Erfolgen der Bekämpfung von Infektionskrankheiten in den 1930er Jahren und der Beobachtung, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen nun nicht mehr an solchen Infektionskrankheiten starben, sondern länger, aber eben nicht in Gesundheit lebten, was Gruenberg als „failures of success“ bezeichnete. Verbrugge (1986) hat die Entwicklung von Morbidität und Mortalität bei der US-Bevölkerung in mittlerem und höherem Alter anhand von Daten des National Health Interview Survey ab 1957 weitergehend empirisch untersucht und kam im Grundsatz zur gleichen Schlussfolgerung des „Longer Life but Worsening Health“. Allgemein postuliert die These also zunehmende Morbiditätsraten, insbesondere bei chronischen Erkrankungen bzw. bei älteren Personen, im Zuge gesundheitsbezogenen technischen Fortschritts bzw. anderer gesellschaftlicher Entwicklungen, die die Mortalität senken und die Lebenserwartung steigern. Die Menschen sind damit durchschnittlich länger krank. Durch die Reduzierung von Todesfällen von jüngeren Menschen kann sich der Morbiditätseintritt auch insgesamt nach vorne verschieben, da die jüngeren Überlebenden ihr weiteres Leben ebenfalls mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbringen, womit der durchschnittliche Gesundheitszustand der Bevölkerung insgesamt schlechter würde. Übertragen auf die Ausgaben im Gesundheitswesen würden in Folge dieser Entwicklungen auch diese zunehmen, insbesondere aufgrund einer „Versteilerung“ der Ausgabenprofile, also eines schnelleren Anstiegs der Gesundheitsausgaben bei älteren im Vergleich zu jüngeren Personen (Buchner/Wasem 2000). Reine Status-Quo-Prognosen i. S. der Kalkulation auf Basis aktueller Ausgabenprofile würden demnach künftige Gesundheitsausgaben unterschätzen. Breyer und Felder (2004, S. 4) konstatieren aber: „There is hardly any empirical evidence in favor of the medicalization hypothesis“. Dennoch gibt es aktuellere Hinweise auf die – zumindest partielle – Gültigkeit der Medikalisierungsthese, z. B. im ambulanten Sektor in Deutschland (Frank/Babitsch 2018). Auch Payne (2022) sieht Hinweise darauf, dass aufeinanderfolgende Kohorten der US-Bevölkerung sich in Bezug auf die Gesundheit und das Wohlbefinden im späteren Lebensalter auf unterschiedlichen Wegen befinden und bei jüngeren Kohorten die gestiegene Lebenserwartung mit chronischen Erkrankungen bzw. Behinderungen einhergeht.

Die Kompressionsthese nach Fries fokussiert grundsätzlich auf die Verbesserung der bevölkerungsbezogenen Gesundheit sowie die Wirkung primärer Prävention von Krankheit und Behinderung (Fries et al. 2011). Demnach kann durch Präventionsmaßnahmen und verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen das Alter bei der Erstmanifestation von Erkrankungen sowie das Auftreten von Behinderung und altersbedingten Krankheiten zeitlich verschoben werden. Gegenstand der These ist somit, dass sich die Lebenszeit im Zustand „schlechter“ Gesundheit reduziert und innerhalb einer kurzen Zeitspanne vor dem Lebensende komprimiert. Grundlegend ist hierbei die Annahme, dass Morbidität in Form chronischer Erkrankungen und altersbedingter Gebrechlichkeit hinsichtlich der Erstmanifestation sowie des Schweregrades insbesondere durch Lebensstilfaktoren beeinflusst werden können (Fries 1980). Unter Berücksichtigung der steigenden Lebenserwartung tritt die Morbiditätskompression ein, wenn das Alter beim ersten Auftreten von chronischen Krankheitssymptomen, Altersschwäche und Behinderung schneller ansteigen kann als die Lebenserwartung.
Die Frage, ob der Zeitraum im Zustand von Morbidität verkürzt werden kann, hängt
dementsprechend von der Erhöhung des durchschnittlichen Eintrittsalters eines Morbiditätsmerkmals im Vergleich zur Steigerung der Lebenserwartung im gleichen Alter ab. Dabei kann wie folgt differenziert werden: Die relative Kompression liegt vor, wenn das Alter bei der Erstmanifestation von Morbidität parallel mit der Lebenserwartung steigt. Verschiebt sich hingegen das Alter beim Eintreten chronischer Erkrankungen bzw. Behinderung schneller nach oben als die Zunahme der Lebenserwartung, ist von einer absoluten Kompression zu sprechen (Fries 2005). Laut diverser Studienergebnisse lässt sich die Gültigkeit der Kompressionsthese nicht pauschal bestätigen. Vielmehr hängen der Alterungsprozess und das Auftreten von Krankheit sowie Behinderung von multiplen Faktoren (z.B. Tindale et al. 2019), wie beispielsweise sozioökonomischen Einflussgrößen (House et al. 1990, Lantz 2020) ab, durch welche eine zunehmende Heterogenität des Gesundheitszustandes im Alter hervorgerufen wird. Entscheidend ist demnach insbesondere die Variation des Alters bei Auftreten von Morbiditätsmerkmalen zu berücksichtigen (Seaman et al. 2020).

Aufbauend auf der Medikalisierungs- und Kompressionsthese sowie deren empirische Überprüfung haben sich weitere Theoriestränge entwickelt. So kombiniert z. B. die These eines dynamischen Gleichgewichts („Dynamic Equilibrium“), die Kenneth Manton 1982 formulierte, beide Thesen dahingehend, dass Menschen bei steigender Lebenswartung zwar länger krank seien, dadurch aber zunehmend weniger an der Teilhabe am Alltag beeinträchtigt würden. Die These der Bi-Modalität von Kane et al. (1990) postuliert dagegen eine parallele Zunahme gesunder, aktiver alter Menschen und gesundheitlich beeinträchtigter alter Menschen. <<

 

„Sowohl die Medikalisierungs- als auch die Kompressionsthese treffen Aussagen darüber, in welchem Gesundheitszustand die im Kontext steigender Lebenserwartung gewonnen Lebensjahre verbracht werden. Während die Kompressionsthese davon ausgeht, dass aufgrund von verbesserten Lebensbedingungen und Präventionsmaßnahmen sich die Lebenszeit im Zustand von Krankheit und Behinderung verringern wird, prognostiziert die Medikalisierungsthese eine Zunahme der Morbidität, die insbesondere durch den technischen Fortschritt bedingt ist. In Folge dieser unterschiedlichen Annahmen ergeben sich auch unterschiedliche Prognosen für die Entwicklung der Versorgungsbedarfe und Ausgaben im Gesundheitswesen. Die Studienlage umfasst empirische Hinweise für beide Thesen und verweist gleichzeitig auf die Notwendigkeit, bei der Prognose von zukünftigen Gesundheitsausgaben nach Krankheitsbildern und weiteren Faktoren zu differenzieren.“
Prof. Dr. Karin Hummel, Sandra Wrzeziono, Fachbereich Sozialpolitik und Soziale Sicherung, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg