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Schnittstelle zwischen Ökonomie und Versorgungsforschung

Bereits 2009 hatte die Universität Hamburg und das UKE im Rahmen einer konzertierten Aktion beschlossen, an mehreren Fakultäten Professuren im Bereich Gesundheitsökonomie/Versorgungsforschung zu schaffen, was in die Gründung des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) im Jahre 2011 führte. In diesem Jahr wird das Zentrum, gegründet von Prof. Dr. Mathias Kifmann (Fachbereich Sozialökonomie), Prof. Dr. Tom Stargardt (Fakultät für Betriebswirtschaft), Prof. Dr. Hans-Helmut König und Prof. Dr. Matthias Augustin (alle Universität Hamburg oder Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – UKE) und Prof. Dr. Jonas Schreyögg – der als wissenschaftlicher Direktor die Leitungsfunktion inne hat – sein zehnjähriges Jubiläum feiern.

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Erstveröffentlichungsdatum: 07.08.2021

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>> Beinahe zeitgleich zur Gründung konnte das gemeinsame Zentrum der Universität Hamburg und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf die Zentrumsförderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung als eines von vier gesundheitsökonomischen Zentren in Deutschland einwerben. Dadurch war es möglich, das Zentrum personell und strukturell gut aufzustellen, so dass es heute als das größte gesundheitsökonomische Forschungszentrum in Deutschland – und sicher als das einzige, das im gleichen Gebäude wie eine Spielbank residiert – gilt.
Schnell kamen im Laufe der Zeit verschiedene Professuren und Institute dazu,
so dass mittlerweile rund 80 Wissenschaftler aus Ökonomie und Medizin am HCHE vereint und interdisziplinär arbeiten.
Zum HCHE gehören derzeit folgende acht Lehrstühle/Institute:
• Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung (UKE)
• Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (UKE)
• Lehrstuhl für Health Care Management (UHH)
• Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen (UHH)
• Lehrstuhl für Mikroökonometrie (UHH)
• Lehrstuhl für Ökonomik der Gesundheit und der sozialen Sicherung (UHH)
• Lehrstuhl für Risikomanagement und Versicherung (UHH)
• Lehrstuhl für Statistik (UHH).

Neben den aktiven Mitgliedern des Zentrums gehören drei weitere Gruppen zum Hamburger Zentrum:
• Zur Gruppe der Affiliates gehören unter anderem Wissenschaftler, die nicht ausschließlich im gesundheitsökonomischen Bereich forschen, aber ein nachweisbares Interesse vorweisen.
• Das Practice Advisory Board besteht aus hochrangigen Praktikern aus Organisationen des Gesundheitswesens. Es hat die Aufgabe, den Dialog zwischen den Mitgliedern des Zentrums und den Organisationen des Gesundheitswesens zu fördern.
• Zusätzlich wird das HCHE durch einen wissenschaftlichen Beirat beraten, der sich aus angesehenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Bereich der Gesundheitsökonomie zusammensetzt. Er begleitet die Forschungsaktivitäten des HCHE und gibt Anregungen für die wissenschaftliche Weiterentwicklung.

Durch den Fakt, dass im Zentrum sechs große Forschungsbereiche – Finanzierung des Gesundheitswesens, gesundheitsökonomische Evaluation, ambulante und stationäre Versorgung, Märkte für Arzneimittel, Bevölkerungsgesundheit und Big Data und Digital Health – vereint sind, lassen sich die meisten der im HCHE durchgeführten Forschungsprojekte nicht eindeutig in einen der Schwerpunkte zuordnen, sondern decken durch die breite Expertise des Zentrums mehrere Themenfelder ab – doch macht gerade das den Charme und die Attraktionskraft für Forschende aus. „Ein wichtiges Merkmal des Zentrums ist die ho-
he Interdisziplinarität“, erklärt Schreyögg,
der das Zusammenwirken und die Integration von Medizinern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf sowie Forschenden aus den Bereichen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre der Universität Hamburg als eindeutigen Pluspunkt des HCHE benennt. Gerade durch diese enge Verzahnung verfüge das Team über eine umfangreiche methodische Expertise, durch die viele Fragestellungen im Bereich der ökonomischen Versorgungsforschung bearbeitet werden können. Doch sei auch die menschliche, persönliche Seite in dem großen Team wichtig. „Wir verstehen uns sehr gut und arbeiten sehr gerne zusammen“, sagt Schreyögg.
Doch Forschung alleine reicht ihm nicht. Er will im Sinne der kritischen Versor-
gungsforschung auch Stellung beziehen,
um so Einfluss nehmen zu können. „Gleichzeitig ist es uns sehr wichtig, unsere Forschungsergebnisse für Politik und Entscheidungsträger sichtbar und nutzbar zu machen“, sagt Schreyögg.
Was ihn an der Arbeit am HCHE fasziniert, ist die Möglichkeit, wissenschaftlich relevante und methodisch anspruchsvolle, aber ebenso praktisch relevante Forschung zu verfolgen, um einen Beitrag zur Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens zu leisten. „Es macht mir enormen Spaß, durch Forschung Transparenz in bestimmte Sachverhalte zu bringen“, gibt der Wissenschaftliche Direktor des HCHE zu Protokoll, den vor allem die Komplexität und Interdisziplinarität bestimmter Fragestellungen interessieren.
Um diese dann in international anerkannten Medien zu publizieren; diese Sichtbarkeit sei nun einmal die Währung der Wissenschafts-Community.
Dabei hilft es natürlich auch, dass nach der erfolgreichen Einwerbung der Zentrumsförderung des BMBF im Jahre 2011, die den Weg für den Aufbau des Zentrums geebnet hat, im Sommer 2017 unter Leitung des HCHE das European Training Network (ETN), das internationale Graduiertenkolleg „Improving Quality of Care in Europe“ (IQCE), starten konnte, das wiederum durch Mittel der Europäischen Kommission gefördert wurde.
Ein Ergebnis dieses Programms ist neben zahlreichen anderen Einzelforschungsprojekten das „European COvid Survey“ (ECOS), mit dem das HCHE in einem europäischen Forschungsverbund die Sorgen und Einstellungen der Menschen in der Corona-Pandemie sowie die Impfbereitschaft untersucht. Die repräsentative Studie „European COvid Survey (ECOS)“ startete im April 2020 und wird seitdem circa alle zwei Monate durchgeführt, was zum einen durch Fördermittel des Horizon 2020 Research and Innovation
Programms der Europäischen Union und zum anderen über Mittel der Exzellenzstrategie der Universität Hamburg und weiteren beteiligten Universitäten ermöglicht wurde.
Seit kurzem liegen die Ergebnisse der mittlerweile 7. Welle (vom 21. Juni bis 05. Juli 2021) vor. Diese zeigen unter anderen, dass in fast allen befragten europäischen Ländern die Impfbereitschaft in den vergangenen Monaten zugelegt hat. Sie liegt nun zwischen 67 Prozent in Frankreich und 84 Prozent in Dänemark und Großbritannien. „Der Anstieg lässt sich insbesondere durch den Rückgang des Anteils der Unsicheren erklären“, so Schreyögg. Auch in Deutschland wäre die Zahl der Unentschlossenen seit April 2021 von 17 auf 7 Prozent gesunken, während die Impfbereitschaft im gleichen Zeitraum von 67 auf 74 Prozent zunahm. Laut den Erkenntnissen der Umfrage liegt innerhalb Deutschlands nur der Osten bei der Impfbereitschaft nicht über der 70-Prozent-Marke und verzeichnet mit fast 25 Prozent beinahe doppelt so viele Ablehnende wie der Norden. Hier stünden nur 14 Prozent einer Impfung skeptisch gegenüber. Impfen lassen wollen sich dagegen 78 Prozent.
Diese Sichtbarkeit gilt natürlich auch innerhalb der deutschen Forscher-Gemeinschaft, wobei Schreyögg den Fokus für das HCHE an der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Versorgungsforschung ansiedelt. So war das Zentrum im Laufe der letzten Dekade Gastgeber verschiedener großer Konferenzen: 2016 der Tagung der „European Health Economics Association“ (Euhea) und  2018 der Jubiläumstagung der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie e.V. (DGGÖ) mit einem Rekord von immerhin 500 Teilnehmenden. <<

 

>> Warum arbeiten Sie am Hamburg Center for Health Economics?
Ich habe mich für eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am HCHE entschieden, da das HCHE es mir ermöglicht zusammen mit anderen renommierten Wissenschaftler:innen in einem interdisziplinären, dynamischen und motivierenden Arbeitsumfeld in den Bereichen der Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung zu arbeiten.

Was zeichnet in Ihren Augen das Hamburg Center for Health Economics aus?
Das HCHE bringt Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, um aktuelle Herausforderungen im Gesundheitswesen gemeinsam zu adressieren und wichtige Fragen zu beantworten. Darüber hinaus verfügt das HCHE über ein hervorragendes nationales und internationales Netzwerk und fördert dadurch den Austausch, nicht nur mit anderen hochrangigen Wissenschaftler:innen, sondern auch mit relevanten Akteur:innen aus der Gesundheitspolitik und der Praxis.

Mit welchen Thematiken und Fragestellungen sind Sie derzeit beschäftigt?
Aktuell beschäftige ich mich mit regio-nalen Unterschieden in der Nutzung von Medizintechnik. Konkret untersuche ich, ob Übertragungseffekte (sog. Spillover) zwischen nahe gelegenen Krankenhäusern einen Einfluss auf die leitliniengerechte Nutzung von Medizintechnikprodukten haben. Dies analysiere ich gemeinsam mit meinen Koautor:innen am Beispiel der Nutzung von Medikamente freisetzenden Koronarstents in Deutschland und Italien im Zeitraum 2012 bis 2016. Hierzu verwenden wir räumlich-ökonometrische Zeitreihenanalysen, die die Standorte der Krankenhäuser und die Distanzen zwischen nahe gelegenen Krankenhäusern einbeziehen. Im Resultat finden wir positive räumliche Spillover-Effekte zwischen nahe gelegenen Krankenhäusern, die darauf hindeuten, dass der Wissenstransfer und der Austausch zwischen Krankenhauspersonal und Krankenhäusern eine zentrale Rolle für die leitliniengerechte Nutzung von Medizintechnik spielt.

Was möchten Sie ganz persönlich mit Versorgungsforschung erreichen?
Ich finde es wichtig, die Unterschiede, die wir in der Gesundheitsversorgung beobachten, besser zu verstehen. Ich möchte mit meiner Forschung die Faktoren und Mechanismen, die diese Unterschiede erklären können, näher beleuchten. Damit möchte ich dazu beitragen, dass wir die Gründe für Unterschiede in der Gesundheitsversorgung besser nachvollziehen sowie mögliche Schwachstellen aufzeigen und diese gezielter adressieren können. <<

>> Warum arbeiten Sie am Hamburg Center for Health Economics?
Ich bin seit 2010 im Institut für Ge-
sundheitsökonomie und Versorgungsfor-schung tätig und war von Anfang an beim HCHE dabei. In der ersten BMBF-Förderrunde von Zentren der gesundheitsökonomischen Forschung konnte ich z.B. eine eigene Nachwuchsgruppe am HCHE einwerben. Auch danach hat mir das HCHE hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten bis hin zur Habilitation geboten. Ich schätze am HCHE vor allem die interkollegiale Zusammenarbeit und den interdisziplinären Austausch. Ein Teil davon sein zu können ist etwas Besonderes, das ich sehr zu schätzen weiß.

Was zeichnet in Ihren Augen das Hamburg Center for Health Economics aus?
Das HCHE als eines der größten Zentren für gesundheitsökonomische Forschung in Europa zeichnet sich vor allem durch ein hohes Maß an Interdisziplinarität aus. Das bietet vor allem jungen Wissenschaftlern hervorragende Möglichkeiten sich zu entwickeln und Forschungen auf höchstem Niveau zu betreiben. Darüber hinaus hat das HCHE mit dem HCHE-Zentrumstag, dem HCHE Research Seminar und HCHE Research Results Life gleich mehrere Veranstaltungsformate, bei denen die Mitglieder zusammenkommen und sich austauschen können. So wird neben der professionellen Seite auch die Gemeinschaft gelebt.
Mit welchen Thematiken und Fragestellungen sind Sie derzeit beschäftigt?
Mein Forschungsschwerpunkt ist die ökonomische Evaluation, das heißt ich beschäftige mich vor allem mit den ökonomischen Auswirkungen von Krankheiten und neuen Versorgungsleistungen, wobei ich einen Schwerpunkt auf psychischen Erkrankungen habe. In RECOVER evaluieren wir z.B. ein schweregradgestuftes Versorgungsmodell für Menschen mit psychischen Erkrankungen und in I-REACH Versorgungsmodelle für geflüchtete Menschen mit psychischen Erkrankungen. In BarrierefreiASS analysieren wir die Versorgungssituation von Menschen mit Autismus. Meine Forschungen sind jedoch nicht auf psychische Erkrankungen beschränkt. In Insemap z.B. möchten wir Wege entwickeln, mit denen die zahngesundheitliche Versorgung von ambulant Pflegebedürftigen verbessert werden kann.

Was möchten Sie ganz persönlich mit Versorgungsforschung erreichen?
Ich möchte vor allem einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungssituation von Menschen mit psychischen Erkrankungen leisten. Hier gibt es in Deutschland – leider muss man sagen – noch erhebliches Potenzial. <<