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Vakuum bei der Festlegung von Versorgungszielen

Zur von Prof. Dr. Dr. Alfred Holzgreve (Vivantes) moderierten Diskussionrunde „Qualitätsversorgung und Qualitätsorientierte Bedarfsplanung“ tauschten sich die Referenten und das Plenum vor allem über den Vortrag von Prof. Dr. Matthias Schrappe (Universität zu Köln) aus, den er unter den Titel „Qualität 2030 – Vom Messen zum Steuern“ gestellt hatte.

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Erstveröffentlichungsdatum: 31.03.2015

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>> Holzgreve: Herr Schrappe hat in seinem Vortrag unter anderem aufgezeigt, dass das Thema Qualität sehr komplex ist. Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Strategie, ein definiertes Ziel? Was wird denn in fünf Jahren deutlich besser sein als heute?

Schrappe: Die politische Seite widmet dem Ziels und der Zielerreichung eine zu geringe Aufmerksamkeit. Die nötige Zieldiskussion wurde noch nicht einmal begonnen. Aus diesem Grunde fände ich es zum Beispiel richtig, wenn wir in Deutschland eine Diskussion starten würden, die „Crossing the Quality Chasm in Germany“ heißen könnten. Es wäre sinnvoll, bekannte wissenschaftliche Beratungsinstitutionen mit einer Grundsatzarbeit zu beauftragen, um damit eine Diskussion zu starten. Das betrifft die Zukunft, doch auch in der Gegenwart gibt es riesige Probleme mit der Patientensicherheit. Warum sollen wir nicht jährlich auch ein Gutachten zum Status „Quality and Safety“ erstellen? Ich sehe aber auch, nur damit Sie mich nicht als Illusionisten abstempeln, schon heute kleine und durchaus auch sehr gute Entwicklungen in den jetzigen Gesetzgebungsvorhaben. Zum Beispiel im Gesetzesentwurf zur Versorgungsstärkungsgesetz. Ausgerechnet beim doch eher abseits gelegenen Detailpunkt „Terminstelle“ wird plötzlich das erste Mal, seitdem ich das SGB V kenne, die Zugangsproblematik diskutiert. Das ist eine ganz wichtige Diskussion! Denn Zugangsindikatoren haben eine Schlüsselstellung bei der regionalen Versorgungsplanung inne. Es gibt also schon jetzt ganz kleine Punkte, die durchaus in die richtige Richtung weisen und aufzeigen, dass das System sozusagen mitdenkt. Aber ich finde, unsere Aufgabe als Wissenschaftler ist es, das System zu befeuern. Der Druck muss erhöht werden.

Pfeifer: Wir haben in der Diskussion wieder den Schwerpunkt Krankenhaus. Aus meiner Sicht ist es ein Nachteil, dass die Qualitätssicherung im Moment noch sehr stationär fokussiert, auch die Gesetzgebung beschäftigt sich jetzt wieder nur mit dem stationären Bereich. Dabei müssen wir die Verknüpfungen mit den bekannten Schnittstellenproblemen sehen, der Patient wird nun einmal überwiegend ambulant behandelt. Die Terminservicestellen kann man übrigens durchaus mit gemischten Gefühlen betrachten. Auch das im Moment diskutierte Problem Zweitmeinung muss noch offensiver angegangen werden, um wichtige Fragen zu diskutieren: Wann ist eine Zweitmeinung nützlich? Wer sollte sie erbringen? Welche Konsequenzen soll die Zweitmeinung haben? Was machen wir mit einer Dritt- oder Viertmeinung?

Klakow-Franck: Dem kann ich nur beipflichten. Es gibt ein Vakuum der Verantwortlichkeit bei der Festlegung von Versorgungszielen. Wir erhalten regelmäßig gute Vorschläge vom Sachverständigenrat, und wir haben die Versorgungsforschung in Deutschland. Ich hätte mir gewünscht, dass jetzt im Rahmen des Innovationsfonds forschungsbasiert so etwas wie eine systematische Gesundheitsversorgungsziele-Entwicklung zustande kommt. Im Gesundheitswesen muss man unheimlich viel Geduld haben. Wir haben zwar erreicht, das Qualität im Gesundheitswesen bei der Politik ganz oben angekommen ist, aber gewisse Umsetzungsprobleme werden von den Politikern nicht gesehen oder wollen nicht gesehen werden.

Holzgreve: Das erinnert mich an den MVF-Kongress im letzten Jahr, bei dem wir eine ähnliche Diskussion hatten und die Forderung nach einer Zieleentwicklung der Gesundheitsversorgung auch schon massiv gestellt hatten. Und es bringt mich zu einer anderen Frage: Mich hat gewundert, dass Sie, Herr Neugebauer, Herrn Lauterbachs Pauschalkritik so stehen gelassen haben. Wir haben doch auch bei uns bekannte, berühmte und auch gute Institute, die gute Arbeiten liefern. Heute Morgen hörte sich das anders an. Wir bräuchten, so Herr Lauterbach, nur ein, zwei richtige Institute, die die richtigen Studien machen, und schon werden die Schlussfolgerungen gezogen und wir haben ein ganz anderes System. Ist es aber nicht in Wirklichkeit so, dass die Erkenntnisse zwar längst vorhanden sind, wir aber in Deutschland immer wieder an dieselben Probleme stoßen, z.B. Sektoren und die Länder-Bund-Ebene?

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