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Versorgungsforschung „aus der Praxis – für die Praxis“

Das Allgemeinmedizinische Institut am Universitätsklinikum Erlangen und der Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der FAU Erlangen-Nürnberg dürfte einer der jüngeren in der Geschichte der deutschen Versorgungsforschung sein. Der Lehrstuhl wurde erst im Oktober 2013, aber als erster regulärer allgemeinmedizinischer Lehrstuhl Bayerns ins Leben gerufen. Seither wird das Institut von Professor Dr. med. Thomas Kühlein – lange Zeit in ärztlichen Tätigkeiten in Krankenhäusern und Hausarztpraxen tätig – geleitet, der neben seiner Aufgabe als Lehrstuhlinhaber auch ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Eckental, zugehörig zum Universitätsklinikum Erlangen, ist. Dr. phil. Susann Hueber ist seit 2014 Forschungskoordinatorin am Allgemeinmedizinischen Institut des Universitätsklinikums Erlangen.

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Erstveröffentlichungsdatum: 28.11.2022

Zitationshinweis: Holetschek, K., Stegmaier, P.: „Wir müssen unser Gesundheitssystem mutig reformieren“, in „Monitor Versorgungsforschung“ (06/22), S. 6-10. http://doi.org/10.24945/MVF.06.22.1866-0533.2452

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>> Mit der Personalunion von Prof. Dr. med. Thomas Kühlein als Direktor des Allgemeinmedizinischen Institut des UK Erlangen und gleichzeitig als Leiter des dazu gehörenden MVZ Eckental steht erstmalig in Deutschland ein ländliches Medizinisches Versorgungszentrum unter der Leitung einer allgemeinmedizinischen universitären Einrichtung. Mit einem Team aus Fachärzt:innen, Ärzt:innen in Weiterbildung und Medizinischen Fachangestellten werden im MVZ Eckental in jedem Quartal etwa 2.000 Patienten hausärztlich versorgt. Das spiegelt sich auf der komplementären, universitären Seite darin, dass mit den hier durchgeführten Forschungsarbeiten vor allen Dingen die Frage beantwortet werden soll, wie gut Patient:innen und Bürger:innen hausärztlich versorgt sind und welche Determinanten zu einer hochwertigen Patientenversorgung beitragen. „Wir wollen aufzeigen, wo zu wenig, aber auch wo zu viel Medizin stattfindet“, sagt Forschungskoordinatorin Dr. Susann Hueber, die die Aufgabe der Versorgungsforschungswissenschaft darin sieht, „Wissen und Verstehen dafür zu schaffen, welchen Nutzen diagnostische und therapeutische Maßnahmen für den individuelle Patient:innen, aber auch für die Gesellschaft hat.“ Die Wissenschaft der Versorgungsforschung biete dafür die methodischen Möglichkeiten, diesen Fragen systematisch nachzugehen und darstellen zu können, was von allen Innovationen am Ende wirklich benötigt und genutzt wird. Schwerpunkt der Arbeit ist das Thema Überversorgung, wobei sich Unter- und Überversorgung nicht ausschließen, sondern entweder parallel zueinander existieren oder gar sich gegenseitig bedingen. Nutzlose oder nicht ausreichend nützliche Medizin soll erkannt werden, um sie zu verringern und damit die Etablierung einer adäquaten Grundversorgung zu ermöglichen. Erste Schritte, sich diesem Themenfeld interdisziplinär zu nähern, unternahm das Erlanger Institut bereits im Forschungsnetzwerk PRO PRICARE (Preventing Overdiagnosis in Primary Care, von 2017 bis 2020 gefördert vom BMBF). Ab 2023 ist es beteiligt an Forschungsprojekten zum Nutzen von Monitoringmaßnahmen bei chronischen Erkankungen (Projekt ChroMo) und zur Entwicklung von Leitlinien zum Umgang mit Schilddrüsenknoten (Projekt LeiSE). Dazu Hueber: „Unsere Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten zu verstehen, welche diagnostischen und therapeutischen Interventionen den Patient:innen mehr Risiken als Nutzen bringen.“ Das schütze zum einen die Patient:innen selbst, schone aber auch die finanziellen und personellen Ressourcen des Gesundheitswesens und der Gesellschaft und leiste damit einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu einem nachhaltigen Gesundheitssystem. Als akademische Einrichtung verfügt das Allgemeinmedizinische Institut indes nicht nur über Expertise in der Versor- gungsforschung, sondern auch in der Hochschuldidaktik. Leitbild dafür ist eine starke Primärmedizin, die auf eine transparente, kosteneffektive und patientenorientierte Medizin abzielt und ein attraktives Arbeitsfeld darstellt. Dabei zeichnet das gesamte Team, bestehend aus Ärzt:innen, Psycholog:innen, Soziolog:innen, Gesund-heitswissenschaftler:innen sowie Studien- und Teamassistent:innen, verantwortlich für die Aufgaben in Forschung und Lehre. Und dies in Form einer starken, interdisziplinären Zusammenarbeit: innerhalb von Projekten, projektübergreifend und auch in der studentischen Lehre. Besonders hervorzuheben ist dabei die Verbindung aus universitärer Forschung und hausärztlicher Patientenversorgung im MVZ Eckental. Dies ermöglicht, so Hueber, „die frühe Umsetzung von Innovationen in der Primärmedizin und ist in dieser Kombination für Deutschland beispielgebend“. Leitgedanke dieses Ansatzes der versorgenden Forschung ist die explizite Einbindung aller an der Versorgung Beteiligten, um Huebers Worten zufolge „Versorgungsforschung ,aus der Praxis – für die Praxis‘ zu praktizieren“. Als Fundament der Forschung wird ein enger Austausch nicht nur mit dem eigenen MVZ, sondern auch mit anderen hausärztlichen Praxen gepflegt. Seit 2020 ist das Institut maßgeblich in Aufbau und Implementierung des bayerischen Forschungsnetzes Allgemeinmedizin, kurz BayFoNet, beteiligt. BayFoNet ist eines von sechs hausärztlichen Forschungspraxennetzwerken in Deutschland und wird getragen von den universitären Standorten Würzburg, München (TU und LMU) und Erlangen. „Ziel soll es sein, eine zukunftsfähige Infrastruktur aufzubauen, die es ermöglicht, klinische Studien und Studien zur Versorgungsforschung in der allgemeinmedizinischen Praxis durchzuführen“, erklärt Hueber. Die Erlanger Versorgungsforscher wollen aber auch einen Beitrag zur Bewältigung gesellschaftlicher und gesundheitlicher Herausforderungen geleistet werden: den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die hausärztliche Praxis (Projekt Pricov), den Belastungen für Pflegebedürftige und deren Angehörige (Projekt BaCoM) und der Erfassung von Impfnebenwirkungen (CoVaKo). Hueber: „Und ab Januar 2023 sind wir auch noch Teil eines Projekts zur Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen der haus- und fachärztlichen Versorgung an die Auswirkungen des Klimawandels“ (Projekt AdaptNet). Seit Gründung und Entstehung des Instituts im Jahr 2013 kann mit etwa einer Million Euro pro Jahr auf eine durchaus erfolgreiche Einwerbung von Drittmitteln zurückgeblickt werden. Damit konnte die Mitarbeiterzahl von anfänglich zwei auf nunmehr 21 Mitarbeitende in Forschung, Lehre und Verwaltung ausgebaut werden. „Das sehen wir als deutlichen Beleg für eine Stärkung der akademischen Allgemeinmedizin, der Wichtigkeit einer guten hausärztlichen Versorgung und der Relevanz von Versorgungsforschung an“, sagt Susann Hueber, die fast von Beginn an dabei war. Was Susann Hueber nach Erlangen geführt hat, ist einfach erklärt: erst die Ausbildung zur Krankenpflegerin, dann das Studium. Und dann ist sie einfach geblieben, denn Erlangen ist für sie „eine ganz wunderbare, lebens- und liebenswerte Stadt“, gelegen in Franken, umgeben von Städten wie Nürnberg und Fürth und der nahen Natur in der Fränkischen Schweiz. Zu Erlangen gehöre aber auch eine große Universität, die Friedrich-Alexander-Universität, die für Forschungsarbeiten gute Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten mit anderen Wissenschaftsdisziplinen biete. << Das Interview führte MVF-Chefredakteur Peter Stegmaier. Dr. med. Lisette Warkentin, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin >> Warum arbeiten Sie am Allgemeinmedizinischen Institut des UK Erlangen? Nach fast drei Jahren klinisch-praktischer Weiterbildung wechselte ich vom Krankenhaus ans Institut. Es reizte mich unsere Versorgungsstrukturen weiter zu hinterfragen und an Verbesserungen dieser Strukturen mitzuwirken. Mittlerweile bin ich zudem wieder in Teilzeit in der hausärztlichen Praxis tätig und erlebe so die Versorgung sowohl aus der Perspektive der direkten Patient:innenversorgung als auch aus Forschungsperspektive. Dies ergibt einen sehr abwechslungsreichen, spannenden und vielseitigen Arbeitsalltag. Was zeichnet in Ihren Augen die Versor-gungsforschung im Allgemeinmedizinischen Institut des UK Erlangen aus? Unser Team zeichnet sich sowohl durch die Heterogenität bezüglich der beruflichen Hintergründe als auch der persönlichen Eigenschaften aus. Hieraus ergeben sich wertvolle Ergänzungen bei der Ideenentwicklung, der Antragserarbeitung sowie der Projektdurchführung. Jeder kann seine Kompetenzen einbringen und sich weiterentwickeln. Zudem zeichnet sich das Institut durch das Schwerpunktthema „Schutz vor Überversorgung“ aus. Im Hinblick auf endliche personelle, finanzielle als auch ökologische Ressourcen halte ich dieses Thema für hochaktuell und besonders relevant, um eine effektive und zufriedenstellende Patient:innenversorgung sicherzustellen. Mit welchen Thematiken und Fragestellungen sind Sie derzeit beschäftigt? Teilweise unterscheiden sich Probleme und Herausforderungen in der medizinischen Versorgung abhängig davon in welchem Sektor man tätig ist. Eine unserer aktuellen Studien beschäftigt sich mit diesem Thema. Wir untersuchen, ob ein Bewusstsein für eben diese sektorenabhängigen Herausforderungen besteht. Anhand von Krankenkassendaten können unterschiedlichste Fragen zur Versorgung unter realen Bedingungen beantwortet werden und somit Erkenntnisse aus kontrollierten Studien ergänzen. Beispielsweise untersuchten wir die Sicherheit und Effektivität von oralen Antikoagulantien. Was möchten Sie ganz persönlich mit Versorgungsforschung erreichen? Mit der Versorgungsforschung möchte ich zur effektiven Patient:innenversorgung beitragen. Die Ressourcen unseres Gesundheitssystems sollten im optimalen Szenario so angewendet werden, dass diagnostische und therapeutische Maßnahmen nur dort zum Einsatz kommen, wo sie für die Patient:innen einen nachweislichen Nutzen bringen. Dies beinhaltet auch, dass Patient:innen vor Eingriffen, die keinen Nutzen haben oder gegebenenfalls sogar mit Schaden verbunden sind, geschützt werden. Hierfür ist es wichtig, das Thema Überversorgung sowohl bei Patient:innen als auch bei Ärzt:innen ins Bewusstsein zu rufen. << Dr. PH Maria Sebastião, wissenschaftliche Mitarbeiterinterin >> Warum arbeiten Sie im Allgemeinmedizinischen Institut des UK Erlangen? Erlangen stellte für mich nach meiner Promotion die ideale Kombination aus lebenswerter Stadt und gut ausgebauter Forschungsinfrastruktur dar. Das Institut bietet ein breit aufgestelltes Team mit methodischer und inhaltlicher Expertise, gleichzeitig besteht die Anbindung an die hausärztliche Praxis über das angegliederte MVZ. Dies sehe ich als ideale Voraussetzung für die Entwicklung von Projektideen und die Umsetzung praxisnaher Forschungsprojekte, die langfristig Wirkung zeigen. Zudem werden hier neue Forschungsideen gefördert und die Mitgestaltung durch eigene Arbeitsgruppen ermöglicht. Darüber hinaus habe ich hier auch die Möglichkeit neben der Forschung in der Lehre tätig zu sein und freue mich, Studierende für die Allgemeinmedizin zu begeistern. Was zeichnet in Ihren Augen das Allgemeinmedizinische Institut des UK Erlangen aus? Das Institut ist ein Beweis dafür, dass viele Köch:innen nicht immer den Brei verderben. Hier arbeiten Hausärzt:innen, Psycholog:innen, Soziolog:innen und auch Gesundheitswissenschaftler:innen zusammen. So bunt gemischt wie das Team ist, so vielfältig sind die Forschungsprojekte – immer mit der gemeinsamen Frage, wie Überversorgung vermieden werden kann. Denn Überversorgung ist nicht nur für einzelne Patient:innen, sondern auch für das Gesundheitswesen und die Gesellschaft hoch relevant. Ich schätze aber auch die Diskussionskultur hier am Institut, das Eindenken in andere Projekte ist für alle selbstverständlich. Dieser Austausch ist unglaublich belebend und sorgt stets für einen frischen Blick auf Probleme. Mit welchen Thematiken und Fragestellungen sind Sie derzeit beschäftigt? Der Schwerpunkt meiner Forschung liegt in der Patientenorientierung im Gesundheitswesen. Dabei tauche ich am liebsten mittels qualitativer Methoden in die Perspektiven von Patient:innen ein. Aufgrund meines logopädischen Hintergrunds interessiert mich auch, wie die interprofessionelle Zusammenarbeit die Patientenversorgung verbessern kann. So beschäftige ich mich u. a. im Koordinierungsbüro Gesundheit mit der Frage wie Patientenlots:innen Patient:innen unterstützen und Hausärzt:innen entlasten können. Aber auch das Thema Covid-19 ist aus der hausärztlichen Forschung derzeit nicht wegzudenken und begleitet mich in den Forschungsprojekten „Bayrischer ambulanter Covid-19-Monitor“ (BaCoM) und „Corona-Vakzin-Konsortium“ (CoVaKo), einer Studie zu Impfnebenwirkungen. Was möchten Sie ganz persönlich mit Versorgungsforschung erreichen? Ich möchte einen Beitrag dazu leisten, die Versorgung von Patient:innen zu verbessern. Dafür sind gute und praxisnahe Forschungsprojekte notwendig. Patient:innen sind für mich dabei als Expert:innen für ihre eigene Gesundheit und ihre Erfahrungen im Gesundheitswesen zu verstehen, ohne deren Einbindung keine sinnvolle Forschung möglich ist. <<