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Versorgungsforschung mit hoher translationaler Bedeutung

Seit der Installation der Charité-Versorgungsforschungskongresse ist die Versorgungsforschung an der bis dato stark der Grundlagenforschung – vor allem auch rund um Themen der Neurowissenschaft – verschriebenen Charité nicht nur ein sichtbarer Teil, sondern eine „sehr sichtbare Komponente der Forschungsstrategie an der Charité“ geworden, so Prof. Dr. Axel R. Pries (Dekan der Charité) in seinem Grußwort zum 2021er Kongress (s. MVF 02/21). Veranstalter dieser Kongresse ist die Plattform – Charité Versorgungsforschung, die wiederum auf eine Initiative des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft (IMSR), des Instituts für Allgemeinmedizin, des Institut für Public Health und der Notfall- und Akutmedizin (CCM/CVK) zurückgeht (s. MVF 01/20). Dass das Wissenschaftsgebiet der Versorgungsforschung für die Charité eine zunehmende Bedeutung hat, zeigen nicht weniger als fünf Neuberufungen in diesem Fach.

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Erstveröffentlichungsdatum: 07.06.2021

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>> Die Versorgungsforschung übernimmt – so Pries in seinem Grußwort – nicht nur eine aktive Rolle bei der Ausbildung und Förderung des Nachwuchses ein, sondern kümmert sich auch um wichtige inhaltliche Schwerpunkte wie die ambulante und sektorübergreifende Versorgung, die Versorgung von vulnerablen Gruppen und Personen mit chronischen Erkrankungen, die Notfall- und Akutversorgung, die Telemedizin bis hin zur Rheumatolgie und Oraler Diagnostik und digitaler Zahnheilkunde. Pries weiter: „Die Versorgungsforschung ist ein Bereich von extrem hoher translationaler Bedeutung. Sie kann und soll sehr patientennah die Dinge, die in der Medizin möglich sind, auch in eine Anwendung bringen, die den Rahmenbedingungen entspricht. Insofern ist die Plattform – Charité Versorgungsforschung für die strategische Entwicklung der Forschung und auch der Versorgung an der Charité von hoher Bedeutung.“ Die Versorgungsforschung kann wichtige Aspekte liefern, um die sechs Strategiefelder der Charité 2030 zu unterstützen.“ In „Wir denken Gesundheit neu – Charité 2030“ ist festgehalten: „Translation ist zentrales Merkmal der Charité: Auf Basis ihrer einmaligen Struktur mit dem Berlin Institute of Health (BIH) als dritter Säule neben der Forschung und der Gesundheitsversorgung wird Translation zu einem zentralen Merkmal der Charité. Sie etabliert damit einen Kristallisationskern für das translationale Ökosystem der Wissenschafts- und Gesundheitsregion Berlin und verfolgt das Ziel, gemeinsam mit ihren Partnern eine treibende Kraft bei der Überführung wissenschaftlicher Erkenntnis in innovative Diagnostik und Therapie in Europa zu werden.“ Dieser breite Fächerkanon, den die Versorgungsforschung an der Charité bereits jetzt abdeckt, ist durchaus einzigartig in Deutschland. „Das Ziel der Plattform – Charité Versorgungsforschung ist es, durch die Vernetzung der interprofessionellen Akteure sowie den systematischen Auf- und Ausbau von Strukturen und Angebote die Versorgungsforschung an der Charité zu fördern, damit alle Patienten zukünftig noch schneller und besser von wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren können“, erklärt hierzu Prof. Dr. Christoph Heintze, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin sowie Sprecher der Plattform – Charité Versorgungs-forschung. In der aktuellen strategischen Ausrichtung der Charité wird nach Worten Heintzes auf die wachsende Relevanz zur Etablierung guter Strukturen hingewiesen, um „Unmet Medical Needs in der Gesundheitsversorgung besser erkennen“ zu können. Heintze: „Dieser Punkt ist mir besonders wichtig. In diesem Feld ist die Plattform aktiv und plant, weitere interdisziplinäre Projekte anzustoßen.“ Konnte der erste Charité-Versorgungsforschungskongress schon mehr als 150 Projekte an der Charité vermelden, die der Versorgungsforschung zuzuordnen sind, sind inzwischen viele weitere hinzugekommen. Darunter sind sieben weitere Forschungsprojekte, die im Zuge der sechsten Förderwelle des beim G-BA angesiedelten Innovationsausschusses positiv bezuschlagt wurden. Drei Projekte unter Charité-Leitung widmen sich der Entwicklung und Erprobung innovativer Versorgungsformen im Gesundheitssektor, vier weitere beschäftigen sich mit neuen Ideen im Bereich der Versorgungsforschung. Die Charité ist darüber hinaus als Konsortialpartnerin an vier weiteren Projekten im Modul Neue Versorgungsformen beteiligt. Insgesamt 28 Projekte mit Konsortialführung gibt es seit 2016, dem Start der Förderlinien durch den G-BA, nun an der Berliner Universitätsmedizin. Davon entfallen 13 Vorhaben auf den Bereich Neue Versorgungsformen und 15 auf den Bereich Versorgungsforschung. Während sieben neue Vorhaben in diesem Jahr ihre Arbeiten aufnehmen können, nähern sich Projekte der ersten Förderwelle bereits dem Abschluss und werden zu einer weiteren Verbesserung der deutschen Krankenversorgung beitragen. „Wie wichtig und notwendig innovative Konzepte und Wissen aus Versorgungsprojekten sind, hat uns die Covid-19-Pandemie eindrücklich vor Augen geführt“, sagt dazu Prof. Dr. Martin Möckel, Ärztlicher Leiter der Notfall- und Akutmedizin am Campus Charité Mitte und Campus Virchow-Klinikum und Boardmitglied der Plattform – Charité-Versorgungsforschung. „Auch das Voranschreiten der Digitalisierung im Gesundheitssektor schafft beständig neue Notwendigkeiten wie auch Möglichkeiten, die Versorgungslandschaft zu gestalten, intelligente Versorgungsformen zu entwickeln oder bestehende Konzepte weiterzuentwickeln“, so Möckel weiter. << >> Im Oktober 2020 hat Prof. Herrmann die Professur für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Versorgungsforschung an der Charité angetreten. Prof. Herrmann studierte Medizin an der Charité und der Universität Islands. Darüber hinaus studierte er Hochschuldidaktik (Higher Education) an der Universität Hamburg und Epidemiologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er promovierte am Graduiertenkolleg Multimorbidität im Alter an der Charité mit Auslandsaufenthalten an der Universität Bergen und der Johns Hopkins University in Baltimore. „Diese internationalen Erfahrungen brachten mich dazu, unsere Versorgungsstrukturen zu hinterfragen“, berichtet Prof. Herrmann. Daher nahm er 2010 an der 1. DFG Nachwuchsakademie Versorgungsforschung in Lübeck teil. „Die Nachwuchsakademie Versorgungsforschung in Lübeck war damals ein intensives Erlebnis und hat mich sehr geprägt“, erzählt Prof. Herrmann. „Seitdem brenne ich für die Versorgungsforschung.“ Das wichtigste Post-Doc Projekt war ein DFG-gefördertes deutsch-norwegisches Forschungsprojekt zu den subjektiven Konzepten von Patienten zur Inanspruchnahme (haus-)ärztlicher Versorgung. Parallel zu seiner Forschungstätigkeit war Prof. Herrmann auch klinisch tätig, in der Geriatrie, Allgemeinmedizin, Orthopädie und ambulanten Rehabilitation. Nach Stationen an den Hochschulen in Furtwangen und Münster wurde er nun an die Charité berufen. „Mit dieser Professur ergab sich die Chance, in einem motivierenden wissenschaftlichen Umfeld an der Charité tätig zu werden, während gleichzeitig in Berlin ein spannendes Umfeld mit den weiteren Universitäten der Berlin University Alliance und zahlreichen außer-universitären Forschungseinrichtungen vorhanden ist. Darüber hinaus ist Berlin und die Charité ein guter Ort, um mit Kooperationspartnern aus aller Welt zusammen zu arbeiten“, beschreibt er seine Motivation, die Professur mit Schwerpunkt Versorgungsforschung anzutreten. „Versorgungsforschung sehe ich als einen wichtigen Teil der Translation an. Dabei bedeutet – hausärztlich gedacht –Translation nicht von „Bench to Bedside“, sondern von „Bench to Patient in the Setting“. In keinem anderen Fachgebiet gelingt es so gut, das Lebensumfeld und Setting der Patienten mitzudenken wie in der Allgemeinmedizin. Als Arzt ist mir dabei die Verbesserung der hausärztlichen Versorgung durch Versorgungsforschung eine Herzensangelegenheit.“ Eine große Herausforderung sei es dabei, dass sowohl die Hausärzte als auch die Patienten sowie andere Gesundheitsprofessio-nen mit ins Boot geholt werden müssen, um die Primärversorgung vor Ort zu verbessern. „Dieses sich wandelnde Bild der Allgemeinmedizin, die viel breiter aufgestellt ist als Husten und Schnupfen, führt teilweise noch zu Widerstand“, meint Prof. Herrmann, „aber international machen gerade die skandinavischen Länder vor, wie es geht, und ich hoffe auch das deutsche Gesundheitssystem wird dem Schritt für Schritt folgen.“ „Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft sehe ich darin, die Methoden der Versorgungsforschung weiterzuentwickeln. Als ersten Schritt haben wir dazu das Charité Forum ,Methoden der Versorgungsforschung` an der Plattform – Charité Versorgungsforschung auf den Weg gebracht. Dies soll auch zukünftig dazu beitragen, Versorgungsforschung als Forschungsschwerpunkt an der Charité zu etablieren“, so Prof. Herrmann. Das Forum werde einen methodischen Austausch auf hohem Niveau ermöglichen und so die bereits vorhandenen Angebote für Promovierende ergänzen. Am Institut für Allgemeinmedizin baut er die Arbeitsgruppe Urban Primary Care auf. „Es geht dabei um Versorgungsforschung im urbanen Kontext. Häufig wird hausärztliche Versorgung mit dem Bild des Landarztes verbunden, jedoch wohnen die meisten Menschen in Deutschland in der Stadt. Die Verstädterung ist dabei kein ausschließlich deutsches Phänomen, sondern eine weltweite Entwicklung. Diese Entwicklung geht gleichzeitig mit dem demografischen Wandel einher. Die urbane hausärztliche Versorgung hat mit einer höheren Bevölkerungsdichte, einer größeren Heterogenität und Diversität der Bevölkerung und einer starken Fragmentierung der Gesundheitsversorgung spezifische Herausforderungen.“ Insbesondere die Berücksichtigung sozialer Aspekte und des Lebensumfeldes in der Primärversorgung sind dabei zentrale Punkte, denen sich Prof. Herrmann widmen möchte. Dazu arbeitet das Team um Prof. Herrmann auch mit den Bezirken und anderen innovativen Projekten vor Ort in Berlin, aber auch international zusammen. So führen sie gemeinsam mit der National University of Singapore gerade ein Projekt zu der Fragestellung durch, wie die Planung der gesundheitlichen und psychosozialen Versorgung besser an den Bedürfnissen älterer Menschen orientiert werden kann. Urban Primary Care ist also nicht nur in Deutschland ein Thema, sondern weltweit. Nicht zuletzt spielt auch die Nachwuchsförderung eine wichtige Rolle. „Sowohl in der Versorgungsforschung als auch in der Allgemeinmedizin benötigen wir zukünftig zahlreiche engagierte und exzellente Nachwuchswissenschaftler. Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, Studierenden und Promovierenden frühzeitig eine selbstständige und verantwortungsvolle Forschungstätigkeit zu ermöglichen und sie damit für die Wissenschaft zu begeistern.“ << >> Die Professur für Versorgungsforschung in der Rheumatologie wurde von der Deutschen Rheumastiftung ins Leben gerufen, der ersten gemeinnützigen Stiftung in Deutschland, die gemeinsam von einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e.V., und einer Patientenselbsthilfeorganisation, der Deutschen Rheuma-Liga, getragen wird. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum Berlin (DRFZ), ein Institut der Leibniz-Gemeinschaft, bewarben sich gemeinsam um die Einrichtung dieser Professur. Zu den konzeptionell vorgeschlagenen Entwicklungslinien der vorgesehenen Forschung gehörten die Evaluierung der Versorgungssituation in der Kinder- und Erwachsenenrheumatologie sowie die Entwicklung und wissenschaftliche Begleitung innovativer Versorgungskonzepte, wie z. B. von Modellen zur Verbesserung des Frühzugangs zum Rheumatologen, der Transition zwischen Kinder- und Erwachsenenrheumatologie und der Stärkung der Rolle der Patienten im Versorgungsprozess. Dieses Konzept überzeugte unter den verschiedenen eingereichten Anträgen, sodass die Professur durch die Charité ausgeschrieben werden konnte. „Zu dieser Zeit war ich neben meiner klinischen Arbeit als Kinderrheumatologin im Sozialpädiatrischen Zentrum der Charité als Leiterin der Arbeitsgruppe Pädiatrische Rheumatologie im Programmbereich Epidemiologie des DRFZ tätig. In meiner Arbeitsgruppe untersuchten wir die Versorgungssituation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit rheumatischen Erkrankungen und wie sich neue Versorgungskonzepte auf die Gesundheit und Langzeitprognose der Betroffenen auswirken“, beschreibt Prof. Minden die damalige Situation. „Außerdem analysierten wir Probleme an der Schnittstelle von der Kinder- in die Erwachsenenrheumatologie und suchten nach neuen Ansätzen zur Verbesserung der Versorgung junger Rheumatiker. Um diese Forschung in der Kinderrheumatologie weiterentwickeln und nachhaltig am DRFZ verankern zu können, habe ich mich um die Professur beworben und diese im Mai 2015 angetreten. Die Professur bot die großartige Möglichkeit, in einem personell verstärkten Team neue Forschungsideen aufgreifen, neue Datenquellen erschließen und durch eine enge Kooperation mit der Deutschen Rheuma-Liga eine noch stärker patientenorientierte alltagsnahe Forschung umsetzen zu können.“ Die Forschungsaktivität im Rahmen der Professur, aber auch generell im Programmbereich Epidemiologie und Versorgungsforschung des DRFZ, richtet sich grundsätzlich darauf, die Versorgung und damit die Lebenssituation rheumakranker Menschen zu verbessern. Mit der Untersuchung klinischer, sozialer und biologischer Einflussfaktoren auf den Verlauf rheumatischer Krankheiten, des komplexen Zusammenspiels von krankheits- und behandlungsbedingten Risiken und der Qualität der rheumatologischen Versorgung möchte das Team um Prof. Minden dazu beitragen, die Behandlung von Rheumapatienten sicherer und effektiver zu machen und Lücken in der Versorgung zu schließen. Eine wesentliche Grundlage ihrer Forschung bilden große Beobachtungsstudien, die derzeit über 30.000 Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen aller Altersgruppen einschließen, wobei besonders vulnerable Gruppen, wie Kinder, Jugendliche und Schwangere, gezielt berücksichtigt werden. Daten aus diesen Kohortenstudien, aber auch Sekundärdaten (z. B. Krankenkassendaten) helfen, Antworten auf Fragen zu finden, die weder die Grundlagenforschung noch die klassische klinische Forschung geben können, wie z. B. wie Patienten mit bestimmten Erkrankungen behandelt werden und wie es ihnen dabei geht, ob bestimmte Therapien bei den Patienten ankommen und falls nicht, warum dies so ist, oder auch zur Frage, ob bestimmte Medikamente im Alltag genauso sicher wie in klinischen Studien sind. „Mit versorgungsrelevanten Fragen beschäftigen wir uns thematisch fokussiert auf die Rheumatologie in einer schnell wachsenden und fachlich sehr breit aufgestellten, uns umgebenden Versorgungsforschungslandschaft an der Charité“, berichtet Prof. Minden weiter zum Forschungsumfeld. „Fachliche Beziehungen bestehen zu benachbarten Instituten und Kliniken der Charité mit dem Schwerpunkt Versorgungsforschung. Die Plattform – Charité Versorgungsforschung befördert unsere Vernetzung mit diesen Einrichtungen, die gemeinsame Weiterentwicklung von Methoden und Konzepten sowie die Optimierung der Nachwuchsförderung. Die Professur für Versorgungsforschung in der Rheumatologie bietet durch ihre Anbindung an DRFZ und Charité enormes Gestaltungspotenzial.“ Die gegebenen Möglichkeiten zur Forschung und interdisziplinären Vernetzung möchte Prof. Minden nutzen, um Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit relativ seltenen, lebenslangen Erkrankungen eine bedarfsgerechte Versorgung zukommen zu lassen und ihnen eine bestmögliche Lebensperspektive zu geben. „Eine erfolgreiche Forschung auf kinderrheumatologischem Gebiet setzt voraus, Fragen der Zeit zu erkennen, Kinderrheumatologen und Betroffene für eine gemeinsame alltagsnahe Forschung zu gewinnen und aus strukturiert erfassten Daten des klinischen Alltags klinisch relevante Erkenntnisse ableiten und kommunizieren zu können. Dieses Vorhaben treibt uns an“, so Prof. Minden. Erfolgreiche Schritte in diese Richtung wurden mit neuen, in den letzten Monaten initiierten Forschungsinitiativen unternommen (z. B. den von Innovationsfonds, BMBF oder DLR geförderten Projekten InfoTrans, Kick COVID, ProKind, TARISMA). „Natürlich wollen wir auch die Begeisterung für Forschung und Wissenschaft mit jungen Kollegen teilen und diese bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit unterstützen und fördern.“ << >> Seit 2006 leitet Prof. Schenk den Bereich „Medizinische und pflegerische Versorgungsforschung“ am Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité und forscht hier gemeinsam mit ihrem Team u. a. zu Versorgungsbedarfen vulnerabler Gruppen in unserem Gesundheitssystem. 2020 trat sie die speziell mit diesem Schwerpunkt eingerichtete Professur an. „Diese populationsbasierte Perspektive entspricht meiner Forschungsausrichtung und gibt mir Gelegenheit, diese auch weiter zu verfolgen“, beschreibt Prof. Schenk ihre Beweggründe, diese Professur anzutreten. Der Begriff Vulnerabilität meint hierbei keine festgeschriebenen Eigenschaften von Personen oder Personengruppen, sondern zielt auf eine erhöhte gesundheitliche Verletzlichkeit infolge struktureller Benachteiligungen oder Gefährdungen. Das können bspw. eine Fluchterfahrung und eine ungesicherte Aufenthaltsperspektive, eine prekäre Lebenslage in Wohnungslosigkeit, die Lebenszyklusphase der Hochaltrigkeit oder auch fortgeschrittene Krankheitsstadien sein, die das Risiko auf eine höhere Verwundbarkeit bei gleichzeitig reduzierten Abwehrpotenzialen implizieren. Vulnerable Gruppen werden häufig aus Beobachtungs- und Interventionsstudien ausgeklammert, da sie schwerer bzw. nur mit einem größeren Aufwand erreichbar sind. „Vulnerabilität wirkt im Versorgungsgeschehen oftmals als Brennglas virulenter Themen, was nicht zuletzt diesen Fokus für mich zu einer relevanten und erkenntnisreichen Forschungsperspektive macht. In unseren Studien untersuchen wir, inwieweit Versorgungsbedingungen Ressourcen und Potenziale vulnerabler Gruppen stärken oder auch Vulnerabilität verschärfen. Außerdem verbindet sich das Konzept der Vulnerabilität mit theoretischen und methodischen Fragestellungen, die für die Versorgungsforschung von generellem Interesse sind“, berichtet Prof. Schenk zur Bedeutung dieses Forschungsschwerpunktes und zu ihrer Motivation. „Überdies freue ich mich über die Professur, da Frauen nach wie vor selten in dieser akademischen Position vertreten sind. Ich hoffe, hier Kollegen, die eine solche Laufbahnperspektive für sich als nicht erreichbar ansehen, gleichwohl sie über alle erforderlichen Voraussetzungen verfügen, als Beispiel zu dienen. Es ist mir in diesem Zusammenhang eine Herzensangelegenheit, den Mantel meiner Professur dafür zu nutzen, Graduierungen zu unterstützen und für die oftmals prekär beschäftigten Mitarbeitenden Forschungsperspektiven mit abzusichern.“ Die Versorgungsforschung ist ein stark interdisziplinäres und interprofessionelles Forschungsgebiet, in dem die Medizinsoziologie wertvolle theoretische und methodische Impulse geben. „Das skizzierte Forschungsfeld möchte ich hierbei gern theoretisch-konzeptionell und methodisch weiter vorantreiben, eingebettet in die Ausgestaltung einer diversitätssensiblen Versorgungsforschung“, so Prof. Schenk zu weiteren Zielen ihrer Arbeit. Methodisch gibt es zahlreiche Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Neben der schwierigen Erreichbarkeit vulnerabler Gruppen für wissenschaftliche Betrachtungen im Versorgungskontext, nimmt die Komplexität von Interventionen immer mehr zu, so dass die Messung der sich ergebenden Effekte unter Umständen weniger eindeutig wird. Hier möchte das Team um Prof. Schenk dazu beitragen, methodische Designs weiterzuentwickeln, die nicht nur Effekte messen, sondern auch helfen, die zugrundeliegenden Wirkmechanismen zu verstehen und zu erklären. Voraussetzung für die Bearbeitung dieser konzeptionellen und methodischen Fragestellungen sind immer auch inhaltliche Forschungsergebnisse. „Unsere aktuellen Analysen nehmen verschiedene Versorgungssettings wie die Notfallversorgung, die ambulante und stationäre Langzeitpflege, aber auch sektorenübergreifende Versorgungsverläufe in den Blick“, berichtet Prof. Schenk weiter zu den derzeitigen Forschungsaktivitäten. Ergänzend zur Patientenperspektive werden die Perspektive der Gesundheitsprofessionen sowie Versorgungsstrukturen systematisch in die Forschung einbezogen. Zielpopulationen, die im Mittelpunkt aktueller Forschungsprojekte stehen, sind u. a. ältere und hochbetagte Notfallpatienten, Schlaganfallbetroffene, zugewanderte Patienten sowie Wohnungslose. Hier bieten sich an der Charité sowie im Forschungsumfeld Berlin und Brandenburg zahlreiche Möglichkeiten, relevante Fragestellungen anzugehen und zu beantworten. „Mit der Plattform – Charité Versorgungsforschung wurde nun auch ein institutioneller Rahmen geschaffen, der die Vernetzung zwischen theoretischen und klinischen Fächern und auch den wissenschaftlichen Nachwuchs fördert. Dies gibt uns die Chance, u. a. durch eine sinnvolle Vernetzung den Zeitraum zwischen Erkenntnis und Implementation in die Regelversorgung zu verkürzen. Durch meine Mitarbeit im Board der Plattform und durch meine Forschungen möchte ich einen Beitrag dazu leisten, die Versorgungsforschung als weiteren Forschungsschwerpunkt an der Charité dauerhaft zu verankern. Eine konkrete Vision, die ich in diesem Kontext verfolgen möchte, ist die Entwicklung eines diversitätssensiblen Versorgungsmonitorings an der Charité. Optimierte Versorgungsbedingungen sollten dabei nicht nur Patienten zugutekommen, sondern ebenso den in der Versorgung Tätigen. Wir möchten mit unseren Konzepten sowohl Krankenhäuser als auch Pflegeeinrichtungen auf dem Weg zu kultursensiblem Handeln unterstützen. Es ist mir darüber hinaus ein Anliegen, dass die soziokulturelle Diversität systematisch in der Konzeption von Studien, in ihrer Umsetzung, in den Analysen und der Translation der Ergebnisse Berücksichtigung findet“, berichtet Prof. Schenk zu den anstehenden Aufgaben und Zielen. << >> Die Notfall- und Akutmedizin ist in Deutschland, im Vergleich zu vielen anderen Ländern, akademisch betrachtet noch in den Kinderschuhen und die von Prof. Anna Slagman besetzte Professur „Notfallmedizinische Versorgungsforschung“ ist die zweite Professur im Bereich Notfallmedizin in Deutschland. Im deutschen Gesundheitssystem bilden die Notaufnahmen eine wichtige Schnittstelle zwischen der ambulanten und stationären Versorgung. Durch diese besondere Stellung im Gesundheitssystem ist die Inanspruchnahme von Notaufnahmen ein wichtiger Indikator für Versorgungsqualität und -angebot in den oben genannten Sektoren einerseits und sich wandelnde Bedürfnisse sowie Veränderungen im Erkrankungsgeschehen auf gesellschaftlicher Seite andererseits. „Aus diesem Grund ist die Notaufnahmeinanspruchnahme und die Erforschung der entsprechenden Einflussfaktoren ein wichtiger Schwerpunkt unserer Forschungsprojekte“, so Prof. Slagman. Vor dem Hintergrund stetig steigender Fallzahlen in der Notaufnahme und damit einhergehenden Überfüllungssituationen liegt dabei ein besonderer Fokus auf der Identifikation von vermeidbaren Fällen in der Notaufnahme, wie auch von Fällen, welche adäquat durch andere Leistungserbringer versorgt werden könnten. Ein wichtiges Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) durchgeführt wird, beschäftigt sich mit der Optimierung und Evaluation des zur Patientensteuerung in der Notfallversorgung entwickelten Instrumentes SmED zur strukturierten medizinische Ersteinschätzung in Deutschland. Notaufnahmen fungieren darüber hinaus auch als eine der primären Anlaufstellen für Menschen in psychosozialen Notlagen. „Die Identifikation solcher Fälle in der Notaufnahme durch entsprechende Screening-Instrumente und die adäquate Versorgung und Weiterleitung in angemessene Versorgungsstrukturen stellen einen weiteren wichtigen Schwerpunkt unserer Forschungen dar“, berichtet Prof. Slagman weiter. Eine wichtige methodische Herausforderung der letzten Jahre bestand in der Nutzbarmachung von Routinedaten aus Notaufnahmen. Die Notaufnahmeversorgung lässt sich bisher in Abrechnungsdaten nur schwerlich abbilden, so dass der Datenextraktion, -aufbereitung und -analyse von Daten aus den Notaufnahmeinformationssystemen ein hoher Stellenwert zukommt. Prof. Slagman konnte hier einen wichtigen methodischen Beitrag leisten und ihre Kenntnisse in diesem Bereich durch einen Forschungsaufenthalt in Australien, der durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wurde, vertiefen und nach Deutschland transferieren. Die oben genannten Projekte profitieren, neben der engen Zusammenarbeit mit den in der klinischen Notaufnahmeversorgung tätigen Berufsgruppen, insbesondere durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen Gründungsinstituten der Plattform – Charité Versorgungsforschung, sowie projektbezogen auch mit den anderen Charité-Instituten und -Kliniken. Ein Ziel ist es, die bisher in Deutschland nicht etablierte Gesundheitsberichterstattung zur Notaufnahmeversorgung mit aufzubauen. Hierzu beteiligt sich Prof. Slagman, zusammen mit dem Robert Koch-Institut, an der Definition eines Mindestdatensatzes zur Notaufnahmeversorgung. Ein nächstes Ziel ist die Mitarbeit an der Definition von Kennzahlen und Qualitätsindikatoren für die Notaufnahmeversorgung aus Notaufnahmeroutinedaten. Einen weiteren Forschungsschwerpunkt setzt Prof. Slagman im Bereich der Verbesserung der Versorgung von vulnerablen Gruppen in der Notaufnahme, wie psychosozialen Notfällen, aber auch älteren Patienten. Die Bedeutung dieses Forschungsgebietes ist nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels und aktuellen Pandemie-Situation immer mehr gewachsen. In enger Zusammenarbeit mit der klinischen Notfall- und Akutmedizin in Deutschland und an der Charité werden zahlreiche verschiedene Fragestellungen zur Verbesserung der Versorgung in Notaufnahmen bearbeitet. Hier ist Prof. Slagman über verschiedene Symptom- und Diagnosegruppen hinweg die methodisch verantwortliche Person für die Planung, Umsetzung und Analyse einer Vielzahl von Forschungsprojekten in der Notfall- und Akutmedizin. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses liegt Prof. Slagman besonders am Herzen. So hat sie im Modellstudiengang Medizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin Modulverantwortung für ein vertiefendes Modul im wissenschaftlichen Arbeiten im 6. Fachsemester übernommen und ist weiterhin als Lehrende in allen Wissenschaftsmodulen des Modellstudienganges eingebunden. Sowohl in der studentischen Lehre, als auch in dem von Prof. Slagman geleiteten, jährlich stattfinden „Young Investigator Workshop“ zur Notfallmedizinischen Versorgungsforschung, liegt der Fokus auf der Vermittlung von Methodenkenntnissen, ebenso wie auf der Vernetzung von klinisch Tätigen und Wissenschaftlern zu Themen der Notfallmedizinischen Versorgung. Das bewährte Format des „Young Investigator Workshops“ konnte sich inzwischen auch im Rahmen der Europäischen Gesellschaft für Notfallmedizin (European Society of Emergency Medicine - EUSEM) durchsetzen, in welchem Prof. Slagman ebenfalls mitwirkt. Sie ist weiterhin Mitglied und Country Principal Investigator des „EUSEM Research Network“, welches im letzten Jahr erstmalig zwei europaweite Studien zur Versorgung älterer Patienten in der Notaufnahme und zur Versorgung von Patienten mit Verdacht auf eine Sars-CoV2-Infektion in der Notaufnahme umsetzen konnte. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Notaufnahmeinanspruchnahme war und ist ein wichtiges aktuelles Forschungsthema von Prof. Slagman. „Auf Grund der Beeinflussung der Notaufnahmeinanspruchnahme durch Veränderungen im Gesundheitssystem, wie auch auf gesellschaftlicher Ebene, sehen wir die Notaufnahmen einerseits als Indikator für bestehende und entstehende Versorgungsengpässe und -lücken, andererseits als „safety nets“ für Patienten vulnerabler Subgruppen.“ << >> Diese Professur ist in deutschlandweit einzigartig. Die Charité und auch alle Kollegen am CC3 können und sollten stolz darauf sein, dass es gelungen ist, eine so innovative Abteilung und einen zugeordneten Lehrstuhl hier zu etablieren. Aus meiner Sicht ist der Standort Berlin exzellent positioniert und gerade die Zahnmedizin in Berlin gut aufgestellt, um erfolgreich die Themen Diagnostik, Digitalisierung und Versorgungsforschung in Forschung, Lehre und Krankenversorgung vorantreiben zu können. Wir haben langjährige Expertise, ein großes Netzwerk und die notwendigen methodischen Kompetenzen“, so Prof. Schwendicke. Die Abteilung um Prof. Schwendicke verfolgt eine Reihe von Zielen, die sich sogar schon aus dem Abteilungsnamen ableiten. Da ist zum einen der Ausbau der zahnmedizinischen Diagnostik in Lehre, Krankenversorgung und Forschung. Wie in anderen medizinischen Feldern wird auch in der Zahnmedizin die Diagnostik eine immer größere Rolle spielen, wobei dies eng verwoben sein wird mit der Nutzung digitaler und datengetriebener Technologien, z. B. unter Rückgriff auf KI. „Dies wäre dann auch schon unser zweiter Schwerpunkt - eine datengetriebene Zahnmedizin! Diese beiden Felder wollen wir mit Versorgungsforschungsfragen, vor allem im Bereich der Pflege- und Telezahnmedizin, ,verheiraten´ und dabei auch eng mit der Plattform – Charité Versorgungsforschung zusammenarbeiten“, beschreibt Prof. Schwendicke die angestrebten Ziele. „Die Abteilung und die Zahnmedizin hier an der Charité sollen der Ansprechpartner für Fragen von Versorgungsforschung und digitaler Zahnheilkunde in Deutschland und Europa werden. Gerade beim Thema KI ist uns dies bereits gelungen – wir sind weltweit Vorreiter und arbeiten mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Weltverband der Zahnärzte (FDI), der Internationen Fernmeldeunion (ITU) und diversen nationalen Akteuren zusammen, unsere Forschung in diesem Bereich ist richtungsweisend.“ Neben dem Schwerpunkt KI in der Zahnmedizin, das u. a. auch das Thema Maschinelles Sehen umfasst, werden auch die datengestützte Präzisionszahnmedizin und der Bereich der integrativen Versorgungsforschung in den Fokus der Forschungen gestellt. In seiner neuen Position hat sich Prof. Schwendicke zahlreiche Ziele gesetzt. „Ich möchte zum Ersten die Rolle der Diagnostik in der zahnmedizinischen Lehre und Krankenversorgung ausbauen und dies durch Forschung untermauern. Der Zahnarzt von morgen wird sich vielmehr mit Diagnostik, Monitoring und Therapiebegleitung als mit der eigentlichen Therapie beschäftigen. Zum Zweiten möchte ich mich dafür einsetzen, dass KI und andere digitale Technologien in der Zahnmedizin Verbreitung finden und dies andererseits auch verdienen! Wir brauchen robuste, generalisierbare und an Standards ausgerichtete KI. Zudem müssen wir die Zahnmediziner von morgen fit machen, mit diesen Technologien umzugehen. Das Thema ,digital and data literacy` wird uns mehr beschäftigen. Zum Dritten sind wir stark daran interessiert, den demografischen Wandel auch in der Zahnmedizin zu begleiten. Zurzeit sind unsere Versorgungsansätze, gerade was die aufsuchende Betreuung in Pflegeheimen oder gar zu Hause angeht, nur bedingt wirksam. Wir wollen hier Konzepte entwickeln, erproben und zeitnah in die Versorgung übertragen.“ Zu diesem Zweck etabliert Professor Schwendicke gerade eine eigene Versorgungseinheit am CharitéCentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Diese soll sich schwerpunktmäßig mit pflegezahnmedizinischen Fragestellungen auseinandersetzen. „Durch die klinische Zusammenarbeit mit einem Kooperationsnetzwerk aus Pflegeheimen wird es uns gelingen, Forschungsansätze in die Versorgung zu überführen, zu erproben und dort unter reellen Bedingungen zu verbessern. Zugleich erbringen wir sinnstiftende Versorgungsleistung – die Mundgesundheit von Pflegeheimbewohnern ist oft dürftig. Das Interesse der Pflegeheime an einem solchen Konzept ist groß.“ <<