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Was man „in the middle of nüscht“ machen kann

Keine gesondert bestallte Fachjury, sondern über 300 Gäste aus Politik, Ärzteschaft und Forschung konnten bei der Zi/KBV-Veranstaltung „Ausgezeichnete Gesundheit 2019“ per Liveabstimmung unmittelbar nach den dreiminütigen Projekt-Statements abstimmen, welche vier herausragenden Beispiele ambulanter Versorgung die Preisträger des Jahres sind. Insgesamt hatten sich 16 regionale Projekte um die nun zum zweiten Mal vergebenen Innovationspreise in den Kategorien „Versorgung digital“, „Versorgung vernetzt“, „Nachwuchsförderung“ und „Versorgung mit Sicherheit“ beworben. „Dieser Abend hat gezeigt, wie facetten- und ideenreich die ambulante Versorgung in Deutschland ist und mit welch hoher Kreativität und Engagement sich die Vertragsärzte ihren Patienten widmen“, erklärte nach der Preisverleihung Dr. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi).

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Erstveröffentlichungsdatum: 04.04.2019

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>> „Der erste Preis in der Rubrik „Versorgung digital“ ging an das Telemedizinprojekt docdirekt der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Per Telefon oder Videotelefonie bekommen Patienten kompetente medizinische Beratung von niedergelassenen Ärzten. Das Praxisnetz Herzogtum Lauenburg, ein Zusammenschluss von niedergelassenen Ärzten, Psychotherapeuten und Kliniken, hat die Auszeichnung in der Sparte „Versorgung vernetzt“ für eine Initiative zur modernen, intersektoralen Wundversorgung erhalten. Durch die Einbindung von sechs netzeigenen Wundmanagerinnen werden Versorgungsschnittstellen zwischen den behandelnden Haus- und Fachärzten, den Kliniken und dem zuständigen Pflegepersonal in den Einrichtungen bedient. In der Rubrik „Versorgung mit Sicherheit“ ging die mobile Arztpraxis Medibus der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen als Sieger hervor. Ausgestattet mit Warte- und Arztzimmer sowie einem Labor steuert der Medibus mehrmals wöchentlich sechs Gemeinden in Nordhessen an, um Patienten hausärztlich zu versorgen. Ein starkes Zeichen gegen den spürbaren Ärztemangel in der Region.
Den lautesten Applaus und die höchste Zustimmung (und damit einen Preis) erhielt Nico Schulz, der Bürgermeister der Hansestadt Osterburg in der Altmark, der seinen 3-Minuten-Vortrag mit einem Blick auf sein T-Shirt begann, indem er demonstrativ sein Jacket aufmachte. Auf dem stand geschrieben: „In the middle of nüscht“. Dieser Claim verdeutlicht mit einem Augenzwinkern das Problem, dem sich die Stadt, der er vorsteht, gegenübersteht. So ungefähr in der Mitte zwischen  dem Metropolendreieck Hamburg, Hannover und Berlin liegt das altmärkische Kleinstädtchen im Grünen, anders ausgedrückt: super idyllisch, aber eben mitten im Nichts.
Als einziger kommunaler Akteur auf der Bühne gab Schulz die Antwort auf die Frage: Was tun gegen den drohenden Ärztemangel? Die sich zuspitzende kritische Situation wurde allerdings schon 2016 rechtzeitig erkannt. Obwohl es sich bei der ärztlichen Versorgung um keine kommunale Aufgabe handelt, wurde der rührige Bürgermeister von sich aus aktiv. Was Dr. Burkhard John, den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt veranlasste, das Medizinstipendium Osterburg als „regionales Exzellenzprojekt“ für die Veranstaltung vorzuschlagen.
Insgesamt drei Absolventen des ortsansässigen Markgraf-Albrecht-Gymnasiums sollen mit monatlich 700 Euro während ihrer Arzt-Ausbildung und anschließend noch für fünf Jahre mit 200 Euro in der Weiterbildung zum Facharzt unterstützt werden. Dies ist verbunden mit der Verpflichtung, am Standort Osterburg ärztlich tätig zu werden.
Den Betrag teilen sich KV Sachsen-Anhalt und die Stadt. „Doch es braucht überregionale, bundesweite Unterstützung – einen echten Ruck. Darum setze ich mich deutlich seit langer Zeit und auf vielen verschiedenen Ebenen für die Landarztquote ein. Und endlich bringt das Land Sachsen-Anhalt ein Gesetz auf den Weg, doch fünf Prozent sind viel zu wenig, um die Versorgungslücke von 262 Hausarztstellen im Jahr 2032 zu schließen“, unterstreicht Schulz. „Im Namen der Stadt Osterburg habe ich eine Stellungnahme verfasst, die eine deutliche Erhöhung der Quote sowie weitere Maßnahmen zur Gewinnung von Ärzten auf dem Land umreißt. Sie liegt Sozialministerin Grimm-Benne sowie allen Fraktionen seit einer Woche vor.“ <<

doi: 10.24945/MVF.02.19.1866-0533.2089