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Stammzellentherapie bei Parkinson: Neurologen warnen vor dubiosen Therapieangeboten

Der Behandlung von Parkinson-Patienten mit so genannten adulten Stammzellen fehlt nach dem aktuellen Kenntnisstand jegliche wissenschaftliche Grundlage. Parkinson-Experten warnten auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Nürnberg eindringlich vor Therapieangeboten, die für mehrere Tausend Euro vom XCell-Center in Köln und Düsseldorf angeboten werden.

 

Professor Wolfgang Oertel, 1. Vorsitzender der DeutschenParkinson-Gesellschaft und Vorstandsmitglied der DeutschenGesellschaft für Neurologie kritisierte die Stammzelltherapie mit adulten Stammzellen. Nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand fehle der Therapie jeglicher Nutzen.

Am XCell-Center werden beispielsweise füreine „Stammzellenbehandlung der Parkinsonkrankheit“ zweiverschiedene Eingriffe angeboten, bei denen jeweils zunächstKnochenmark aus dem Hüftknochen entnommen wird und die darinenthaltenen Stammzellen nach einigen Tagen in Kultur wieder in denKörper transplantiert werden.

Für eine Injektion dieser Zellen in das Nervenwasser mittelsLumbalpunktion oder einer Implantation der Stammzellen direkt in dasGehirn müssen die Patienten laut Internetseite von X-Cell 7.545bzw. 26.000 Euro bezahlen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmendiese Kosten nicht, denn sie sind per Gesetz verpflichtet, nur das zuzahlen, was ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich ist– was für die Stammzelltherapie mit adulten Stammzellen beiParkinsonerkrankung offensichtlich nicht zutrifft.

Die Patientin Petra Aschenbeck, die auf dem Jahrestreffen inNürnberg über ihre Behandlung im XCell-Center gesprochenhat, erzählte: „ Als ich wegen meiner Krankheit arbeitsunfähigwurde und nicht mehr als Standesbeamte arbeiten konnte, erfuhr ich imInternet von diesem Angebot. Dort war ein Mann dargestellt, der nachder Behandlung wieder Auto und Motorrad fahren konnte, fast so, alsob sein Parkinson geheilt wäre.“

Ohne Rücksprache mitihrem Neurologen habe sie mit dem Geld ihrer Eltern den etwa 7.500Euro teuren Eingriff bei sich vornehmen lassen – bezahlen musstesie im voraus. „Ich dachte es hilft, aber nach fünf Wochenging es mir schlechter als zuvor. Anderen würde ich das nicht empfehlen“, sagte Aschenbeck, die inzwischen wieder von einemFacharzt für Neurologie behandelt wird und deren Symptome sichseitdem wieder gebessert haben.

Auf die aus fachlicher Sicht dubiosen Angebote der privaten Klinikmit Sitz in Köln und Düsseldorf stößt manschnell, wenn man die entsprechenden Begriffe im Internet sucht.Unweigerlich werden Internet-Nutzer dann mit entsprechenden Anzeigenkonfrontiert, in denen von „ersten Erfolgen mit der innovativenStammzellentherapie in Deutschland“ die Rede ist.

Neben derParkinson-Krankheit sollen ähnliche Eingriffe auch bei Alzheimerund ALS, bei Arthrose und Diabetes, bei Herzerkrankungen und MultipleSklerose, nach Schlaganfällen und bei Verletzungen desRückenmarks helfen.

 

Nachweise für diese Behauptungen in Form vonwissenschaftlichen Veröffentlichungen gibt es indes keine. „Esgibt keinen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit, keinenwissenschaftlichen Nachweis der Sicherheit und Verträglichkeit,und es gibt keine wissenschaftlich begründete Abwägung vonNutzen und Risiken, sodass ich einem Patienten nicht empfehlen würde,dieses Therapieverfahren anzuwenden“, so der Parkinson-ExperteOertel, Direktor der Klinik für Neurologie der UniversitätMarburg. Er appelliert daher an den Gesetzgeber, derartigenBehandlungsangeboten einen eindeutigen Riegel vorzuschieben.

 

Wie unwahrscheinlich es ist, dass das Einbringen einesZellpräparates ins Gehirn die Parkinsonsche Krankheit lindernkann, zeigen die wissenschaftlichen Fakten:  Das Leidengeht einher mit dem Verlust einer vergleichsweise winzigen Menge anhochspezialisierten Zellen, die tief im Inneren des Gehirns – inder Substantia nigra – liegen. Diese komplex vernetzten Zellenproduzieren den Botenstoff Dopamin. Um den Niedergang bzw. Ausfalldieser Zellen auszugleichen, steht heute ein ganzes Arsenal anMedikamenten zur Verfügung. Diese werden von erfahrenenNeurologen so kombiniert, dass den meisten Parkinson-Kranken geholfenwerden kann und diese eine fast normale Lebenserwartung aufweisen. Imfortgeschritten Stadium der Krankheit kommen auch chirurgischeEingriffe in Betracht, vor allem die „tiefe Hirnstimulation“, mitder bis zu 50 Prozent der Medikamente eingespart werden könnenund mit der eine gleich bleibende gute Beweglichkeit über denganzen Tag erzielt werden kann. Dies wurde in zahlreichen Studiennachgewiesen, die in renommierten Fachzeitschriften veröffentlichtwurden und deren Resultate in öffentlichen Datenbanken freizugänglich sind.

Im Gegensatz dazu gibt es keine wissenschaftlichen Beweise fürdie Wirksamkeit der am XCell-Center und ähnlichen Einrichtungenangebotenen Eingriffe. Dies ist auch nicht zu erwarten, denn dafürmüssten Stammzellen des Blutes ohne weiteres Zutun die Funktionder ausgefallenen Dopamin-produzieren Zellen ersetzen und sich in dasexistierende Netzwerk aus anderen Nervenzellen einfügen. DasFortschreiten der Erkrankung würde auch in diesem Fall nichtbeeinflusst.  „Es geht uns darum, Schaden vom Patientenabzuwenden“, stellte Oertel abschließend fest.