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Transfer zu einem nutzerfreundlichen und gesundheitskompetenten Gesundheitssystem

04.10.2019 10:20
Mit seiner hohen Dichte an Versorgungseinrichtungen, einem kostenlosen Zugang zu medizinischen Leistungen, freier Arztwahl und einer hohen Ausdifferenzierung bietet das deutsche Gesundheitssystem seinen Versicherten ein breites Leistungsspektrum und eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten. Mündige und aufgeklärte Patientinnen und Patienten nutzen diese Freiheit und nehmen die Dinge immer häufiger selbst in die Hand: Sie sind besser informiert als jemals zuvor, hinterfragen, fordern ein, kennen ihre Rechte und wirken proaktiv an der Wiedererlangung oder Erhaltung ihrer Gesundheit mit. Eine derart selbstbestimmte und kompetente Nutzung des Versorgungssystems setzt voraus, dass Patienten mit gesundheitsrelevanten Informationen umgehen und sich aktiv in Entscheidungsprozesse einbringen können. Die aktuelle Studienlage deutet jedoch darauf hin, dass dies häufig nicht der Fall ist. Danach sieht sich über die Hälfte der deutschen Bevölkerung vor erhebliche Probleme gestellt, wenn es darum geht, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden (Schaeffer et al. 2016). Die dafür erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden als „Gesundheitskompetenz“ definiert. Ein kompetenter Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen bildet die Basis, um eine aktive Rolle im Behandlungsprozess einnehmen, sich in der Instanzenvielfalt des Systems zurechtfinden und sich partizipativ an Entscheidungen im Behandlungsprozess beteiligen zu können. Der vom englischen „Health Literacy“ abgeleitete Begriff „Gesundheitskompetenz“ erfährt daher in der deutschen Fachliteratur seit einigen Jahren wachsende Popularität und wird in der Public Health-Debatte weltweit immer häufiger als signifikante Größe beschrieben (Sørensen et al. 2012).

http://doi.org/10.24945/MVF.05.19.1866-0533.2173

Abstract

Eine niedrige Ausprägung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung hat Folgen für die Individuen, stellt aber ebenso die Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen, denn die Gesundheitskompetenz prägt auch die Nutzung der gesundheitlichen Versorgung nachhaltig. Gesundheitskompetenz ist keineswegs nur als persönliche Disposition zu verstehen, sondern ist immer auch Ausdruck der situativen Anforderungen, die ein System an seine Nutzer stellt. Der vorliegende Beitrag geht deshalb der Frage nach, wie ein nutzerfreundliches und gesundheitskompetentes Gesundheitssystem aussehen könnte. Er bezieht sich auf den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz, ebenso wie auf eine Reihe von Strategiepapieren, die im Nachgang des Aktionsplans publiziert wurden. In der Gesamtschau der strategischen Empfehlungen entsteht das Bild eines nutzerfreundlichen Gesundheitssystems, das den Umgang mit Informationen erleichtert und die Selbstbestimmung von Patientinnen und Patienten stärkt. Wichtige Handlungsfelder liegen dabei in der nutzerfreundlichen Gestaltung der Versorgungsstrukturen und der Informations- und Kommunikationslandschaft sowie in der Einbeziehung von Patientinnen und Patienten in die Versorgungsgestaltung.

Transfer towards a user-friendly and health literate health system
A low level of health literacy in the population has consequences for individuals, but also poses major challenges to health systems, as health literacy also has a lasting impact on the use of healthcare. Health literacy is by no means just a personal disposition, but is always also an expression of the situational demands a system places on its users. The present paper therefore asks how a userfriendly healthcare system that promotes health literacy could look like. It makes reference to the National Health Literacy Action Plan as well as to a series of strategy papers published in its wake. The strategic recommendations as a whole create the image of a user-friendly healthcare system that facilitates the handling of information and strengthens the ability of patients to take an active part in their care. Important aspects include a user-friendly design of care structures and the ways information and communication are handled, as well as the inclusion of patients in the shaping of their care.

Keywords
health literacy, healthcare usability, user-friendly healthcare, user-friendly health system, health literate organization, National Action Plan Health Literacy, health literate system

Dr. PH Sebastian Schmidt-Kaehler MPH / Prof. Dr. phil. Doris Schaeffer / Univ.-Prof. em. Dr. phil. Jürgen Pelikan

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Zitationshinweis: Schmidt-Kaehler, S., Schaeffer, D., Pelikan, J.: „Transfer zu einem nutzerfreundlichen und gesundheitskompetenten Gesundheitssystem“ in „Monitor Versorgungsforschung“ (05/19), S. 49-53, doi: 10.24945/MVF.05.19.1866-0533.2173

Plain-Text:

Transfer zu einem nutzerfreundlichen und gesundheitskompetenten Gesundheitssystem

Mit seiner hohen Dichte an Versorgungseinrichtungen, einem kostenlosen Zugang zu medizinischen Leistungen, freier Arztwahl und einer hohen Ausdifferenzierung bietet das deutsche Gesundheitssystem seinen Versicherten ein breites Leistungsspektrum und eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten. Mündige und aufgeklärte Patientinnen und Patienten nutzen diese Freiheit und nehmen die Dinge immer häufiger selbst in die Hand: Sie sind besser informiert als jemals zuvor, hinterfragen, fordern ein, kennen ihre Rechte und wirken proaktiv an der Wiedererlangung oder Erhaltung ihrer Gesundheit mit. Eine derart selbstbestimmte und kompetente Nutzung des Versorgungssystems setzt voraus, dass Patienten mit gesundheitsrelevanten Informationen umgehen und sich aktiv in Entscheidungsprozesse einbringen können. Die aktuelle Studienlage deutet jedoch darauf hin, dass dies häufig nicht der Fall ist. Danach sieht sich über die Hälfte der deutschen Bevölkerung vor erhebliche Probleme gestellt, wenn es darum geht, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden (Schaeffer et al. 2016). Die dafür erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden als „Gesundheitskompetenz“ definiert. Ein kompetenter Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen bildet die Basis, um eine aktive Rolle im Behandlungsprozess einnehmen, sich in der Instanzenvielfalt des Systems zurechtfinden und sich partizipativ an Entscheidungen im Behandlungsprozess beteiligen zu können. Der vom englischen „Health Literacy“ abgeleitete Begriff „Gesundheitskompetenz“ erfährt daher in der deutschen Fachliteratur seit einigen Jahren wachsende Popularität und wird in der Public Health-Debatte weltweit immer häufiger als signifikante Größe beschrieben (Sørensen et al. 2012). >>

Ausgabe 05 / 2019

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