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Die Datenlage ist reichhaltig, aber fragmentiert

Die Epidemiologin Dr. Christa Scheidt-Nave leitet den Aufbau der Nationalen Diabetes-Surveillance am Robert Koch-Institut in Berlin. Im Interview erklärt sie die Ziele des Projekts und geht auf die Herausforderungen ein.

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Erstveröffentlichungsdatum: 19.09.2016

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>> Schätzungen zufolge wird die Zahl der Menschen mit Diabetes in Europa bis 2035 um 33 Prozent zunehmen. Wo steht Deutschland in diesem Feld?
Bevölkerungsbezogene Studien zur Verbreitung von Diabetes können in der Regel nicht zwischen den verschiedenen Diabetes-Formen unterscheiden. Wenn wir hier von Diabetes sprechen, ist in erster Linie der Typ-2-Diabetes gemeint. Epidemiologische Modellierungen von Ralph Brinks und Kollegen am Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf haben auch für Deutschland eine starke Zunahme der Zahlen für Typ 2-Diabetes vorausgesagt. Die zukünftige Entwicklung wird ganz entscheidend davon abhängen, wie erfolgreich die Prävention von Typ-2-Diabetes in den nächsten Jahren umgesetzt wird. Einen wichtigen Beitrag zur Überprüfung der Prognose leistet das Gesundheitsmonito-ring des Robert Koch-Instituts. Regelmäßig wiederkehrend werden in bundesweiten, bevölkerungsrepräsentativen Gesundheitssurveys u.a. auch Daten zur Prävalenz von
ärztlich diagnostiziertem Diabetes mellitus, unerkanntem Diabetes und wichtigen Diabetes-Risikofaktoren erhoben.

Wo steht Deutschland beim Diabetes im internationalen Vergleich?
Bezogen auf die Prävalenz des ärztlich diagnostizierten Diabetes mellitus liegt Deutschland im europäischen Vergleich bislang im oberen Drittel, weltweit gesehen im Mittelfeld. Die insgesamt weitaus höchsten Diabetes-Prävalenzen werden im Nahen Osten, unter den indigenen Völkern Nordamerikas, in der Bevölkerung einiger Südseeinselstaaten und in Indien beobachtet.

Sie sind mit der Leitung eines Projekts zum Aufbau einer epidemiologischen Diabetes-Überwachung betraut. Welches Ziel verfolgt das Projekt genau?
Die Diabetes-Surveillance soll die in Deutschland bereits verfügbaren Daten zusammenführen, um verlässliche und über die Zeit vergleichbare Aussagen zum Krankheitsgeschehen und zu Fortschritten bzw. verbleibenden Herausforderungen in der Prävention und Versorgung von Diabetes mellitus in Deutschland treffen zu können.

Welche Daten, außer den bereits erhobenen, werden denn dafür benötigt?
Untersuchungen in bundesweiten Gesundheitssurveys des Robert Koch-Instituts liefern nicht nur Prävalenzschätzungen, sondern lassen auch eine Einschätzung der Verbreitung wichtiger Diabetes-Risikofaktoren, z.B. Adipositas und körperliche Inaktivität, zu. Sie haben jedoch auch ihre Grenzen. Z.B. sind Untersuchungssurveys, zu denen die Menschen in ein Studienzentrum kommen müssen, nicht geeignet, die Anzahl von Personen mit schwerwiegenden Diabetes-be-dingten Komplikationen in Deutschland verlässlich einzuschätzen oder das Versorgungsgeschehen zum Diabetes mellitus umfassend zu beurteilen. Außerdem sind damit keine verlässlichen Einschätzungen zur Epidemiologie und zur Versorgungsqua-lität bei Typ-1-Diabetes oder bei Schwangerschaftsdiabetes möglich.

Könnte man nicht auch Versichertendaten der Kassen hinzuziehen?
In der Tat existiert eine Fülle von routinemäßig erhobenen Daten, z.B. aus der gesetzlichen Krankenversicherung oder der DRG-Statistik. Hinzu kommen
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