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„Energetische Atmosphäre mit inspirierendem Austausch“

Der Lehrstuhl „Multimedikation und Versorgungsforschung“ am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt ist der bisher einzige in Deutschland, der von einem Dienstleister gestiftet worden ist. Der viel zu früh verstorbene Stifter und Inhaber von Insight Health, Roland Lederer († 2019), hatte die feste Überzeugung, dass Daten an sich keinen großen Wert haben, sondern das, was man aus ihnen macht, den Wert darstellt. Mit der Bezeichnung des 2019 gegründeten Lehrstuhls „Multimedikation und Versorgungsforschung“ wurde ganz klar die Versorgungsforschung in den Vordergrund gestellt. In diesem Sinne werden auch neue Studien am Arbeitsbereich konzipiert: Diese zielen darauf ab, das Leben von Patient:innen mit Multimorbidität und Multimedikation zu erleichtern und Patientenpräferenzen zu berücksichtigen.

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Erstveröffentlichungsdatum: 19.05.2022

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>> Das Institut für Allgemeinmedizin der Goethe Universität, an dem der Stiftungslehrstuhl angesiedelt ist, hat eine reiche und lange Tradition der Versorgungsforschung im Bereich Multimorbidität und Multimedikation. Mit dem 2019 neugegründeten Lehrstuhl „Multimedikation und Versor-gungsforschung“, eingebettet in ein vielfältiges Institutsteam, ergab sich hier für Professorin Dr. Marjan van den Akker eine ausgezeichnete Möglichkeit, ihren Horizont zu erweitern und nach über 25 Jahren Tätigkeit an der Universität Maastricht ihre Wirkungsstätte nach Frankfurt am Main zu verlegen. Nicht aber ihr Tätigkeitsfeld. Denn seit Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn widmet sie sich dem Thema Multimorbidität. Begonnen hat sie, bedingt durch ihren Hintergrund als Epidemiologin, mit Prävalenzstudien, der Identifikation von Konsequenzen von Multimorbidität und den Risikofaktoren für Multimorbidität. Dabei ist Marjan van den Akker schon früh klargeworden, dass die Versorgung von Patient:innen mit Multimorbidität eine Herausforderung ist, vor allem in der Allgemeinmedizin, weil Patient:innen häufig Hausarztpraxen aufsuchen und Hausärzt:innen den Überblick über die komplexen Versorgungsbedarfe behalten müssen. Marjan van den Akker: „Die Versorgungsqualität dieser Patientenzielgruppe zu verbessern, ist komplex, weil gerade für die Versorgung in den Hausarztpraxen keine Laborbedingungen für Studien vorliegen. Das macht die Domäne der Versorgungsforschung zu einem spannenden Arbeitsfeld.“ Der Lehrstuhl ist genau für und auf diese Patientenzielgruppe ausgerichtet; Menschen mit Multimedikation. Überwiegend haben diese Menschen auch Mehrfacherkrankungen und müssen sich in der Regel mit unterschiedlichen FachÄrzt:innenn beschäftigen. Demzufolge kann es zu Behandlungen kommen, die untereinander unzureichend abgestimmt sind, wodurch es bei Patient:innen zu Interaktionen und Nebenwirkungen kommen kann. Gerade in diesem Bereich gibt es zunehmend (digitale) Tools, die Ärzt:innen bei der Verschreibung oder Prüfung von Medikamenten unterstützen können. Jedoch, so Marjan van der Akker: „Die Implementierung dieser Tools bedarf maßgeschneiderter und flexibler Umsetzung in die Praxis, wobei auch die Stimme des Patienten nicht ignoriert werden darf.“ Die hier tätige Arbeitsgruppe hat eine interprofessionelle Zusammensetzung, bestehend aus Mitarbeiter:innen mit unterschiedlichen Hintergründen in den Bereichen Epidemiologie, Gesundheitswissenschaften, Pharmazie, Allgemeinmedizin und Geowissenschaften, wo jeder eigene Perspektiven mitbringt. „Dadurch entsteht eine positive und energetische Arbeitsatmosphäre mit inspirierendem Austausch“, sagt Marjan van den Akker, die hierin einen großen Mehrwert sieht: „Wir lernen viel voneinander und leisten gemeinsam eine hohe Arbeitsqualität.“ Das ist wichtig und notwendig. Denn die Versorgung von Patient:innen mit Multimorbidität und Multimedikation ist hochkomplex, sowohl für die Patient:innen als auch für die Versorger:innen. Patient:innen haben zudem viele Kontakte zu Hausärzt:innen, zu Fachärzt:innen und zu anderen Leistungserbringern – wie Physiotherapeut:inn, Psychotherapeut:innen oder Ernährungsberater:innen – und demzufolge auch unterschiedliche medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungen, die mal mehr und mal weniger gut aufeinander abgestimmt sind. Darüber hinaus greifen Patient:innen häufig zu freiverkäuflichen Medikamenten und anderen zusätzlichen Hilfs- mitteln. „Manche kommen damit sehr gut zurecht, für andere ist es schwierig, den Überblick zu behalten – zum Beispiel haben sie Schwierigkeiten, das Einnahmeschema von Medikamenten einzuhalten“, sagt Marjan van den Akker. Auch von ärztlicher Seite fehle manchmal der Überblick über die Gesamtdiagnosen und die verordneten Therapien. Um das zu verbessern, brauche es maßgeschneiderte komplexe Interventionen, die einerseits zur Praxisroutine und anderseits zum Alltag der Patienten passen. „Nur wenn die unterschiedlichen Perspektiven und Präferenzen von Patient:innen und Versorger:innen berücksichtigt werden, haben wir eine Chance, die Versorgung nachhaltig zu verbessern, sodass beide Parteien davon profitieren“, setzt sie dazu. Die in der Kürze des Bestehens des Lehrstuhls größte Heraufordeung und Chance ist ihrer Meinung nach die Vielfältigkeit der Arbeitsbereiche. „Das beginnt beim Erkenntnisgewinn durch die Studien, die wir durchführen, bis hin zum Zusammenbringen bisheriger Ergebnisse durch systematische Literaturstudien im Bereich Multimorbidität und Multimedikation“, sagt sie. Genauso wichtig sind ihr aber auch die weiteren Schritte, bei denen das gewonnene Wissen mit Patient:innen, Leistungserbringern und den nachfolgenden Generationen von Leistungserbringern geteilt werden. Dies erfolge durch laienverständliche Informationsmaterialien und Bürgerforen, durch nationale und internationale Publikationen und Präsentationen, aber auch durch ein interprofessionelles Wahlfach zur Versorgung von Patient:innen mit Multimorbidität und Multimedikation, das für Student:innen der Humanmedizin und der Pharmazie zugänglich ist. << Prof. Dr. Marjan van den Akker ist seit 2019 Professorin für Multimedikation und Versorgungsforschung am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt und leitet dort den Arbeitsbereich „Multimedikation und Versorgungsforschung“. Ebenso ist sie seit 2019 Gastprofessorin in der Abteilung Familienmedizin, Care and Public Health Research Institute (CAPHRI) der Universität Maastricht, Niederlande. Ihre Forschungsaktivitäten konzentrieren sich auf Komorbidität, Multimorbidität, Multimedikation, medizinische, demografische und psychologische Profile anhand von Längsschnittuntersuchungen, die Gesundheit von älteren Krebspatient:innen/-überlebenden und die Rolle der Familienmedizin in der Betreuung von Krebsüberlebenden. Studium: 1999: Promotion zum Thema „Multimorbidität bei Patient:innen in der Hausarztpraxis. Prävalenz, Inzidenz und Faktoren der multiplen Pathologie“, Doktorväter Prof. J.A. Knottnerus, Prof. F. Buntinx, Prof. J.F.M. Metsemakers. 1987-1992: Master der Gesundheitswissenschaft, Spezialisierung Pflegewissenschaft, Universität Maastricht, Niederlande.