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OA MVF 01/11: „Hin zu einer sektorübergreifenden, populationsorientierten Versorgung“

1975 ereilte ihn der Ruf auf die Professur für Volkswirtschaftslehre/Finanzwissenschaft der Technischen Hochschule Darmstadt; seit Sommer 1989 (und bis zum Sommer dieses Jahres) hat er den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Planung und Verwaltung öffentlicher Wirtschaft der Universität Mannheim inne. Seit jeher beschäftigt den Ökonomen, der sich ansonsten mit öffentlicher Planung und der Struktur öffentlicher Haushalte auseinandersetzt, vor allem eines: das Gesundheitssystem. Seitdem er Mitglied und aktuell Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (vormals Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen) ist, setzt er sich dafür ein, dass nicht so sehr an den kleinen, wohl aber mehr an den großen Stellschrauben gedreht wird. Und das ist im Gesundheitssystem vor allem jene Schraube, die die Sektoren trennt oder auch zu einem großen Ganzen führen kann. Irgendwann.

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Erstveröffentlichungsdatum: 23.09.2012

Plain-Text

Summary
- In der Versorgungsforschung hinken wir den angelsächsischen und nordischen Ländern deutlich hinterher.
- Integrierte Versorgungsformen nach § 140 a-d SGB V sollten verbindlich an eine sektorenübergreifende Koordination gebunden werden.
- Isolierte Hausarztverträge widersprechen der Integrationsidee, der Vertragsabschlusszwang für Kassen widerspricht der Vertragsfreiheit.
- An der Schnittstelle ambulant/stationär fehlt es an einer einheitlichen Regelung von Leistungsdefinition, Vergütung, Investitionsfinanzierung, Genehmigung neuer Behandlungsverfahren und Mengenregulierung.
- Die Frühbewertung von Arzneimitteln ist sinnvoll, um den Erstattungspreis der GKV für Innovationen zu bestimmen.

>> Herr Professor Wille, Kritiker führen gerne die Argumentation ins Feld, dass die Kosten im deutschen Gesundheitssystem im Vergleich zum Outcome viel zu hoch sind. Dazu werden dann gern Fakten wie Lebenserwartung oder andere Public-Health-Indikatoren heran gezogen. Was halten Sie aus wissenschaftlicher Sicht von dieser Usance?

Ein solcher Vergleich lässt sich aus meiner Sicht wissenschaftlich nicht halten. Man setzt hier die sogenannte Gesundheitsquote, das heißt, die gesamten Gesundheitsausgaben eines Landes in Relation zu dem entsprechenden Bruttoinlandsprodukt, ins Verhältnis zur Lebenserwartung. Die Gesundheitsquote bildet dann die Inputgröße und die Lebenserwartung den Outcomeindikator.

Das klingt doch erst einmal nicht so verkehrt.

Zunächst vernachlässigt diese Betrachtung die Einflüsse der deutschen Wiedervereinigung auf diese beiden Größen. Zudem bildet die Gesundheitsquote, die sich am Bruttoinlandsprodukt orientiert, den Mitteleinsatz, der je Bürger in die Gesundheitsversorgung fließt, nicht adäquat ab.

Gibt es denn keine richtigeren Indikatoren für die Güte unseres Gesundheitssystems?

Deutschland nimmt nach den kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben den neunten Platz ein. Bei den Wachstumsraten, sowohl der Lebenserwartung bei Geburt als auch der ferneren Lebenserwartung, erzielt Deutschland bei beiden Geschlechtern überdurchschnittliche Werte. Dabei weist Deutschland beispielsweise niedrigere Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben als die Niederlande und Norwegen auf und das bei deutlich höheren Wachstumsraten der Lebenserwartung. In diesem Zusammenhang gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass die Gesundheitsausgaben nur einen begrenzten Einfluss auf die Lebenserwartung ausüben. Diese Daten belegen insofern für sich gesehen noch keine herausgehobene Effizienz und Effektivität des deutschen Gesundheitswesens im internationalen Vergleich.

Andererseits sprechen sie aber auch auf keinen Fall für ein negatives Ergebnis. Was doch ein Grund zur Freude ist.

...

Herr Professor Wille, herzlichen Dank für das Gespräch. <<

Das Gespräch führte MVF-Chefredakteur Peter Stegmaier unter Mitarbeit von MVF-Herausgeber Prof. Dr. Reinhold Roski.

Versorgungs-Gesetz (GKV-VG)
Ein von den MdBs Johannes Singhammer und Max Straubinger für die CSU vorgelegtes Konzeptpapier soll Grundlage für die weitere Positionierung innerhalb der Union und dann der Koalition werden; mit dem Ziel, bis Ostern gemeinsame Eckpunkte der Koalition für das GKV-Versorgungsgesetz (GKV-VG) vorlegen zu können. Vom BMG wird dieses Papier (vorgestellt in seinen zentralen Aussagen im Fokusheft „MarketAccess & Health Policy“ von PharmaRelations) als „Debattenbeitrag“ bezeichnet.