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Auch nach zehn Jahren immer noch recht alternativ

04.06.2018 14:00
Die Regelversorgung zeichnet im allgemeinen und besonderen eines aus: Sie wird nicht evaluiert. Deshalb bezeichnen es die Vertragspartner*, die 2008 den AOK-Hausarztvertrag in Baden-Württemberg auf der Vertragsgrundlage des § 73b SGB V beschlossen und seitdem weiterentwickelt haben, als „absolutes Novum im deutschen Gesundheitssystem, dass Wissenschaftler über eine Dekade forschen, Langzeiteffekte erkennen und beschreiben können“ was im Südwesten der Republik in der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) der AOK Baden-Württemberg und ihrer ärztlichen Partner gelebte Realität sei. Die Ergebnisse der mit der wissenschaftlichen Evaluation beauftragten Universitäten Frankfurt/Main und Heidelberg belegen eindeutig, dass HZV-Teilnehmer nicht nur besser versorgt werden, erstmals sind sogar Hinweise auf Überlebensvorteile erkennbar.

>> „Hinweise auf Überlebensvorteile“ sagt ein Versorgungsforscher immer dann, wenn die Zahlen zwar recht eindeutig sind, die zu diesen Zahlen führenden Gründe aber nicht genau erforscht sind. So konnte Prof. Dr. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Universität Heidelberg, beim sogenannten 5-Jahres-Überleben im 1,6 Millionen Patienten umfassenden HZV-Versichertenkollektiv 1.672 vermiedene Todesfälle feststellen. Wohl gemerkt: im Vergleich zu einer etwa gleich großen, aus den Gesamt-Routinedaten der AOK Baden Württemberg nach Alter, Geschlecht und  Krankheitslast selektierten Kontrollgruppe. Die 1.672 „vermiedenen Todesfälle“ beziehen sich auf eine Modellhochrechnung auf Basis der „Population Attributable Fraction“ (PAF*) für 1.37 Millionen Versicherte.
Wenn nun die bundesdeutsche GKV-Population (72,81 Mio) tatsächlich die gleichen Eigenschaften (was sie aber nicht hat, weil vor allem die Faktoren Alter und Morbidität stark differieren werden) hätte, und zudem die betrachtete Population und der Anteil der HZV-Versicherten wie im Ausgangsmodell 50,3 %
betragen würde, dann wäre man über 5 Jahre immerhin bei 88.624 „vermiedenen Todesfällen. Das sollte der Politik zu denken geben!
Dass diese beeindruckende Zahl auch aus anderen Gründen zu hoch gegriffen sein mag, wird klar, wenn man die Historie der HZV im Ländle betrachtet, auch wenn sie von Dr. Christopher Hermann, dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Baden-Württemberg, schon seit längeren als Alternative Regelversorgung tituliert wird. Auch zehn Jahre nach der Gründung machen erst (oder schon) rund 5.000 Ärzte inklusive Kinder- und Jugendärzte sowie rund 2.500 Fachärzte (Stand Oktober 2018) mit. Das ist auch nach einer Dekade immer noch nur ein Teil der in Baden-Württemberg tätigen Ärzte, die sich laut aktuellen Zahlen der KV BW aus 8.345 Hausärzten, 11.210 Fachärzten sowie 4.927 Psychotherapeuten zusammensetzen.
Am Honorar kann es nicht liegen: Die AOK Baden-Württemberg investiert laut Hermann 618 Millionen Euro in die Alternative Regelversorgung. Davon gehen mehr als 442 Millionen Euro direkt in die Hausarztzentrierte Versorgung, weitere 141 Millionen in Facharztverträge. Hermann: „Die HZV-Vergütung liegt im Schnitt 30 %
über dem KV-Niveau, damit hat sich für 1,6 Millionen Versicherte der AOK BW die Versorgungs- und Lebensqualität nachhaltig zum Besseren entwickelt.“ Von der intensiveren Betreuung profitieren vor allem chronisch Kranke, die mit 60 Prozent das Gros der 1,6 Millionen freiwilligen HZV-Teilnehmer stellen. Laut Forschungsergebnissen entfallen pro Jahr allein 1,2 Millionen unkoordinierte Facharztkontakte. Herzpatienten bleiben jährlich rund 46.000 Krankenhaustage erspart. Diabetiker werden in sechs Jahren vor ca. 4.000 schweren Komplikationen wie Amputationen oder Schlaganfällen bewahrt.
Doch auch trotz Mehrverdienst der Ärzte und auch der 35 Millionen Euro, die in die Arzneimittel-Zuzahlungsbefreiung für die Versicherten fließen, die sich in in dieses „freiwillige Primärarztsystem“ (so Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg), schreibt die AOK nach Worten Hermanns schwarze Zahlen. Die größten wirtschaftlichen Effekte kommen dabei durch eine rationalere Arzneimitteltherapie, gefolgt von vermiedenen Krankenhausausgaben, entfallenen KV-Einzelleistungen und sonstigen vermiedenen Leistungen.
Bei diesen Erfolgszahlen wundert es, dass das Modell der alternativen Regelversorgung in Deutschland das einschränkende Adjektiv noch nicht abstreiffen und bislang außerhalb des Ländles nur in Bayern, Hessen und Nordhrein-Westfalen reüssieren konnte. Dietsche: „Das Interesse nimmt langsam zu, aber das Engagement der Vertreter der Krankenkassen könnte deutlich intensiver sein.“ Man müsse sich, so Dietsche weiter, eben für Versorgung interessieren, was Hermann vielen seiner Kollegen abspricht. Was in Baden-Württemberg gemacht worden sei, habe nach Worten Hermanns hohe Anstrengungen bedeutet, es musste investiert, Risiken eingegangen und vor allem Wege verlassen werden, „die seit Jahrzehnten ausgetreten sind“. Hermanns Kritik: „Da macht es doch eher Spaß, sich in der Hängematte aufzuhalten, wenn das Regelsystem so gut gefüttert ist.“ Das sei doch eine bequeme Sache und so seien eben viele Menschen unterwegs, nicht aber die Akteure in Baden-Wüttemberg, denn: „Wir gehen voran.“
Laut Hermann werde weiter „in Qualität und Strukturierung der Versorgung investiert“, zudem stehe die digitale Vernetzung unter den Ärzten unmittelbar an. Ebenso würden die nächsten Facharzt-Verträge mit Pneumologen und HNO-Ärzten im nächsten Jahr geschlossen und auch der Bogen in den akutstationären Sektor geschlagen. „Die Partner in Baden-Wüttemberg bleiben auf Innovationskurs, 2019 und darüber hinaus“, sagt der 63-jährige Hermann, dessen Kasse seit Mai dieses Jahres einen geeigneten Nachfolger für ihn sucht. <<

Ausgabe 06 / 2018

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